Das Leben Jesu (1795)

[S. 257]

|257| nun, sagte Jesus, so kan ich euch auch auf eure Frage nicht antworten. Urtheilt aber [Matth. 21,28.] einmal! Ein Mann, der 2 Söhne hatte, hieß den einen heute in den Weinberg gehen, und arbeiten; dieser gab zur Antwort, er gehe nicht; bereute diß aber hernach und ging; eben diesen Befehl gab der Vater dem zweiten, der gleich Bereitwilligkeit zeigte, und zu gehen versprach, – aber dann doch nicht ging. Welcher hat nun dem Vater Gehorsam bewiesen? – Sie antworteten, der erste. Ebenso, antwortete Jesus, geht es unter euch; Menschen, die im allgemeinen Rufe der sittlichen Verdorbenheit stunden, haben auf die Aufforderung des Johannes der Stimme der Tugend Gehör gegeben, und übertreffen euch izt in guter Gesinnung, euch, die ihr den Namen Gottes immer im Munde führt, und seinem Dienst allein zu leben vorgebt –

Jesus legte ihnen noch eine andre Geschichte vor: Ein Mann legte einen großen Weinberg an, umgab ihn mit Mauern, befestigte ihn und gab ihn Winzern zum bauen, und reiste weg – Zur Herbstzeit, schikte er Leute dahin, um das, was der Weinberg getragen hatte, einzunehmen. Sie wurden aber von den Winzern auf alle mögliche Art mishandelt; ebenso ging es den zweiten, die der Besizer des Gutes schikte – In der Hofnung, sie werden Ehrfurcht vor seinem Sohn haben, schikte er izt diesen; allein die Winzer dachten, dieß sey der Erbe, und durch seinen Tod sezen sie sich in den völligen Besiz des Gutes – Sie ermordeten also auch diesen; Was wird nun der Herr des Weinbergs thun, fragte Jesus die umstehende; diese sagten, er wird die Winzer mit der Strenge, die sie verdienen, strafen, und den Weinberg andern Winzern geben, von denen er die Früchte richtig erhält – So, sagte Jesus, haben die Juden das Glük gehabt, früher als manche andre Nationen würdigere Begriffe von der Gottheit, und von dem zu erlangen, was ihr Wille an die Menschen ist – aber ihr erzeuget nicht die Früchte, die den Menschen in den Augen der Gottheit wohlgefällig machen, – darum ist es ein eitler Wahn, euch durch jenen Vorzug allein, Lieblinge der Gottheit zu glauben – und ein Verbrechen, Menschen zu mishandeln, die es fühlen, und es euch sagen, daß es etwas höheres ist, das dem Menschen einen wahren Werth gibt. – Die Mitglieder des hohen Raths, die die Veranlassung zu

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