Das Leben Jesu (1795)

[S. 254]

|254| aus Gunst für sie bei der izt herannahenden Periode seiner Macht, einen glänzenden Antheil daran einraümen – belehrte sie Jesus von dem Unterschiede des Werthes der Menschen durch folgende Parabel: Ein Fürst verreiste einst in ein entferntes Land, um die Regierung desselben zu übernehmen; eh er aus dem abreiste, dessen Regent er schon war, vertraute er seinen Dienern 10 Pfund an, um damit zu gewinnen. Die Bürger schikten ihm eine Gesandschaft nach, ihm die Erklärung zu machen, daß sie ihn nimmer als ihren Fürsten anerkennen. Ongeachtet dessen behauptete er bei seiner Zurükkunft den Thron, und verlangte izt von seinen Dienern Rechnung über die Anwendung des ihnen zurükgelassenen Geldes. Der erste sagte, mit dem Pfund, das du mir anvertraut hast, habe ich 10 gewonnen; wohl, versezte der Fürst, du hast mit wenigem gut hausgehalten, ich will dich über mehr sezen, ich übertrage dir die Regierung über 10 Städte. Der andere hatte mit seinem Pfunde 5 gewonnen; der Fürst gab ihm die Regierung über 5 Städte – Ein anderer sagte: ich bringe dir dein Pfund unverloren wieder, ich habe es sorgfältig bewahrt; ich fürchtete es an etwas zu wagen, da du ein strenger Herr bist, willst nehmen, wo du nichts hingesezt, erndten, wo du nicht gesät hast – Deine Rechtfertigung verurtheilt dich, antwortete der Fürst, wenn du wustest, daß ich ein strenger Mann bin, erndten will wo ich nicht gesät habe, warum hast du nicht dein Geld den Wechslern gegeben, und hättest mir dann dein Pfund mit den Zinsen zurükgeben können ? – Du verlierst dein Geld, und es sei dessen, der Zehen gewonnen hat. Den andern Dienern fiel es auf, daß der, der schon 10 Pfund habe, diß auch bekommen solle; der Fürst sagte ihnen aber, dem, der das gut angewandt hat, was ihm anvertraut worden ist, wird noch mehr zugelegt werden – der aber von dem ihm anvertrauten einen schlechten oder gar keinen Gebrauch gemacht hat, macht sich dadurch auch des ihm gegebenen unwürdig – Und izt führt diejenigen vor mich, die mir den Gehorsam aufgesagt haben, daß ich sie zur Strafe ziehe – Wie dieser Fürst, so richtet Gott den Werth der Menschen nach dem treuen Gebrauch der ihnen verliehenen Kräfte, und nach dem Gehorsam gegen die moralischen Geseze, unter denen sie stehen.

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