Das Leben Jesu (1795)

[S. 252]

|252| Gott! sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: dieser ging mit wahrerer Beruhigung des Gewissens nach Hause als jener Pharisäer –

[Luc. 18,18-] Ein vornehmer Jüngling tratt zu Jesu; guter Lehrer, was muß ich thun, fragte er ihn, um tugendhaft, um vor Gott, der Glükseeligkeit nach diesem Leben würdig zu seyn – Warum nennt du mich gut, erwiederte Jesus, vollkommen gut, ist niemand als Gott – übrigens kennst du ja die Gebote eurer Sittenlehrer: du sollst nicht ehbrechen, nicht tödten, kein falscher Zeuge seyn, deinen Vater und deine Mutter ehren; der Jüngling sagte hierauf: ich habe von Jugend auf alle diese Gebote gehalten – Nun, sagte Jesus, wenn du es fühlst, daß du noch mehr thun könntest, so wende deinen Reichthum zur Unterstüzung der armen und zur Beföderung der Sittlichkeit an, und werde darin mein Gehülfe – Der Jüngling hörte diß mit Betrübnis, denn er war sehr reich – Jesus bemerkte diß, und sagte zu seinen Jüngern: Wie fest kan doch die Liebe zum Reichthum den Menschen umstrikken? welch grosses Hinderniß zur Tugend für ihn werden? Die Tugend verlangt Aufopferung, die Liebe zum Reichthum immer neuen Erwerb, jene – sich auf sich selbst einzuschränken, diese – sich auszubreiten, das, was er sein eigen nennt, immer zu vergrößern. Die Freunde Jesu fragten ihn: aber wie kan man hoffen, daß dieser Trieb der menschlichen Natur es nicht unmöglich mache, tugendhaft zu seyn – Den Widerspruch dieser Triebe, antwortete Jesus, hebt der Umstand auf, daß Gott dem einen eine eigentümliche gesezgebende Gewalt verliehen hat, die die Pflicht auferlegt, eine Übermacht über den andern zu bekommen, und ihm auch die Kraft beigelegt hat, diß zu können – Petrus einer seiner Freunde erwiederte hierauf: Du weißst wir haben alles verlassen, um uns deiner Bildung zu übergeben, und uns allein der Sittlichkeit zu weihn – Für das, was ihr aufgegeben habt, sagte Jesus, ist der Erwerb des Bewustseyns, der Pflicht allein gelebt zu haben, ein reichlicher Ersaz in diesem Leben, und in alle Ewigkeit –

[Luc. 18,31.] Jesus war izt mit seiner Begleitung, die nur aus seinen 12 auserlesenen Freunden [Matth.] 20,17. bestand, in die Nähe von Jerusalem gekommen, und machte sie mit den trüben Ahndungen bekannt, die er von der Art seiner dortigen Aufnahme und Behandlung

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