Das Leben Jesu (1795)

[S. 214]

|214| Die Erzählung der Frau, die sie ihren Mitbürgern, von Jesu und ihrem Gespräch mit ihm, machte, brachte ihnen schon eine hohe Meinung von ihm bei. Sie veranlaste viele Samariter hinauszugehen, um Belehrung von ihm zu erhalten. Während sich Jesus mit ihnen unterhielt – boten ihm seine Jünger, die indessen zurükgekehrt waren, zu essen an – Lasset das, antwortete er ihnen, ich denke nicht an leibliche Nahrung, den Willen Gottes zu thun, und das Werk der Besserung der Menschen auszuführen ist meine Beschäftigung, eure Gedanken sind auf Speise gerichtet, auf die Erndte, die bevorsteht – Erweitert eure Blike – schauet auf zur Erndte, der das Menschengeschlecht entgegenreift, auch diese Saat zeitiget – in diesen Gefilden habt ihr nicht ausgesäet – der Keim des Guten, den die Natur in die Herzen der Menschen einsezte, hat sich hie und da von selbst entwikelt, eure Sache aber ist es, diese Blüthen zu pflegen, in die Arbeit einzutretten, die die Natur angefangen hat, und die Saat zur Zeitigung zu bringen. Auf das Ersuchen der Samariter blieb Jesus 2 Tage bei ihnen, und gab ihnen Gelegenheit, durch eigene Erfahrung, die hohe Meinung, die sie von ihm auf die Erzählung der Frau gefast hatten, bestätigt zu finden –

[Joh. 4,43.] Nach 2 Tagen sezte er seinen Weg weiter fort nach Galiläa, wo er hinkam rief er [Matth. 4,12.] die Menschen zur Sinnesänderung, und Besserung auf, suchte sie aus ihrem Schlummer, [Luc. 4,14.] und der unfruchtbaren, unthätigen Hofnung zu erweken, ein Messias werde [Matth. 4,17.] bald erscheinen, und den Glanz des jüdischen Gottesdienstes und Staates wiederherstellen – Wartet nicht auf einen andern, rief ihnen Jesus zu, legt selbst Hand an das Werk eurer Besserung – sezt euch ein höheres Ziel, als das, wieder zu werden, was die alten Juden waren, bessert euch – dann bringt ihr das Reich Gottes herbei – [Luc. 4,16-30.] So lehrte Jesus überall, in Capernaum am See Genezareth, an öffentlichen Örtern und in den Lehrsälen der Juden – unter anderm auch redte er über eine Stelle aus den heiligen Büchern seiner Landsleute in Nazareth seinem Geburtsort da hieß es – –

denn: ist diß nicht Josephs Sohn der unter uns gebohren und erzogen wurde – das Vorurtheil der Juden, daß der, den sie als ihren Retter erwarteten, von vornehmer Abkunft seyn und mit aüsserm Glanz auftretten müsse, war unüberwindlich – und

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