Das Leben Jesu (1795)

[S. 268]

|268| über die kleinlichte und lasterhafte Zweke der Menschen erheben. Ich spreche euch zum voraus hievon, damit es euch nicht unerwartet kommt. Wie die Angst der Gebährerin in Freüde verwandelt wird, wenn sie einen Menschen in die Welt gebohren hat, so wird der Kummer, der eurer wartet, einst in Seeligkeit übergehen.

Dann erhub Jesus seine Augen gen Himmel; mein Vater, sagte er, meine Stunde ist gekommen, – die Stunde, den Geist, dessen Ursprung deine Unendlichkeit ist, in seiner Würde zu zeigen, – und heimzukehren zu dir! seine Bestimmung ist die Ewigkeit, und Erhebung über alles, was Anfang und Ende hat, über alles, was endlich ist – Meine Bestimmung auf Erden, dich Vater, und die Verwandschaft meines Geistes mit dir zu erkennen, und durch Treue gegen dieselbe mich zu ehren, und die Menschen durch das erwachte Bewustseyn dieser Würde zu veredeln – diese Bestimmung auf Erden habe ich vollendet – Die Liebe zu dir hat mir Freunde zugeführt, welche es einsehen gelernt haben, daß ich nicht etwas fremdes oder willkührliches den Menschen aufdringen wollte, sondern daß es dein Gesez ist, was ich sie lehrte, das still nur verkannt von den Menschen in aller Busen wohnt. Nicht durch etwas eigenthümliches oder auszeichnendes mir Ehre zu erwerben, sondern die verlohrne Achtung gegen die weggeworfne Menschheit wiederherzustellen, war meine Absicht – und der allgemeine Charakter vernünftiger Wesen, die Anlage zur Tugend, die allen zu theil geworden ist – mein Stolz – Vollkommenster, bewahre sie, daß nur Liebe zum Guten das höchste Gesez in ihnen sei, das sie beherrsche, so sind sie Eins, so bleiben sie vereinigt mit dir und mit mir. Ich gehe zu dir, und richte diß Gebet an dich, daß die freudige Stimmung, die mich belebt, auch sie durchströme; ich habe sie mit deiner Offenbahrung bekannt gemacht, und weil sie sie ergriffen haben, so hast die Welt [sie], wie mich, der ich ihr gehorche – ich bitte dich nicht, daß du sie von der Welt nehmest – eine Bitte dieser Art kan nicht vor deinen Thron gebracht werden – aber heilige sie durch deine Wahrheit, – nur aus deinem Geseze strahlet sie. Deinen hohen Ruf, die Menschen zur Tugend zu bilden, dem ich folgte, habe ich in ihre Hände niedergelegt; mögen sie auch in ihrem Theil ihn vollenden, und Freunde erziehen, die vor keinem Gözen mehr die Kniee beugen, keine Worte, keinen Glauben zum Bande ihrer Vereinigung machen, als die Tugend, und Annäherung zu dir, dem Heiligen! –

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