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|240| Antwort: Des Abends sagt ihr, es wird morgen schön Wetter, denn der Himmel hat eine schöne Abendröthe – ist aber der Himmel des Morgens so trüb roth, so prophezeiht ihr Regen daraus – So versteht ihr euch auf das Aussehen des Himmels, um daraus die Witterung vorher zu sagen, aber die Zeichen der gegenwärtigen Zeit versteht ihr nicht zu beurtheilen ? Bemerkt ihr nicht, daß höhere Bedürfnisse in den Menschen, daß die Vernunft erwacht ist – die eure willkührliche Lehren und Sazungen, eure Herabwürdigung des Endzweks der Menschen – der Tugend unter dieselbe, den Zwang, womit ihr das Ansehen eures Glaubens und eurer Gebote unter eurem Volk aufrechterhalten wollt – in Anspruch nehmen wird! Kein anderes Zeichen wird euch gegeben, als Lehrer, von denen auch ihr lernen könntet, was zu eurem und der Menschheit Besten diente.
[Luc. 11,37.] Ein Pharisäer lud Jesum bei dieser Gelegenheit zum Mittagessen ein, jener wunderte [cf. Matth. 23.] sich, da er bemerkte, daß Jesus nicht, eh er sich sezte, die Hände wusch,14) – Jesus sagte ihnen, ihr wascht wohl das aüssere des Bechers und der Tafel, aber ist deswegen auch das innere rein? wer sein aüsseres gut in Ordnung hat, ist der mit seinem innern in Richtigkeit ? wo die Seele geweiht ist, da ist schon auch das aüssere geweiht – Ihr gebt richtig den Zehenten vom Majoran, und Rauten und jedem unbedeutenden Kraütchen, das in euren Gärten wächst – vergest ihr über dieser Aengstlichkeit in Kleinigkeiten, die ihr für Vollkommenheit ausgebt, nicht, daß es noch höhere Pflichten gibt? deren Beobachtung das Wesen der Tugend ausmacht15), wobei man das andere dann doch auch thun muß. Sind nicht eure Begriffe von dem, was einen Werth hat nur aufs aüssere berechnet ? so haltet ihr aüsserst auf einen hohen Rang in den Lehrsälen, auf den Vorsiz bei Gastmahlen oder darauf, von jedermann auf den Strassen gegrüst zu werden – ihr beschwert das Volk mit einer Menge lästiger Gebote, und ihr selbst bleibt bei dem aüssern derselben stehen! – Ihr maast euch an, Bewahrer des Schlüssels zum Tempel der Wahrheit zu seyn, aber ihr versperrt euch und andern den Eingang zu diesem Heiligthume durch unnöthige Gebote –
14) Am Rande: s. oben –
15) Am Rande, ohne Zuordnung: Gerechtigkeit, Mitleiden und Treue
