Das Leben Jesu (1795)

[S. 227]

|227| zur Unbefangenheit der Tugend an – Ein göttlicher Genuß, sagte Jesus noch zu der Frau, diesen Sieg des Glaubens an dich selbst, noch des guten fähig zu seyn, und deines Muthes zu sehen – Lebe wohl!

Jesus zog weiter durch Städte und Dörfer und predigte überall, seine Begleiter waren seine 12 Apostel, auch einige zum theil reiche Frauen, die die Gesellschaft aus ihrem Vermögen unterhielten. Einst in Gegenwart einer grossen Versammlung legte er ihnen folgende Parabel vor (d. i. eine erdichtete Erzählung, die eine gewisse Lehre sinnlich darstellt, sie unterscheidet sich von den Fabeln, daß in diesen Thiere, von den Mythen, daß in diesen Dämonen oder allegorische Wesen – in den Parabeln Menschen die handelnden Personen sind): Ein Sämann ging aus seinen Saamen zu säen, ein Theil desselben fiel auf den Weg, und wurde zertretten, und von den Vögeln gefressen — ein andrer Theil fiel auf Felsengrund, wo er nicht viel Erde hatte, er ging bald auf, aber von der Hize welkte er bald dahin, weil er keine tiefen Wurzeln hatte; anderer Saamen fiel in Dornheken, die auf schossen, und ihn erstikten – ein Theil fiel auch auf gutes Land, und gab 30-60 bis 100fältige Früchte – Als seine Jünger ihn darüber befragten, warum er dem Volk die Lehren in Parabeln eingehüllt vortrage, so gab er ihnen zur Antwort: Ihr habt wohl Sinn für die erhabenen Ideen von dem Reiche Gottes, und von der Sittlichkeit, die das Bürgerrecht in demselben gibt – aber die Erfahrung hat mich belehrt, daß diß verlohrne Worte bei den Juden sind und doch verlangen sie etwas von mir zu hören – ihre tiefen Vorurtheile lassen die nakte Wahrheit nicht bis an ihr Herz dringen, wer Anlagen hat, etwas bessers in sich aufzunehmen, der kan Nuzen aus meinen Lehren ziehen — wem aber jener bessere Sinn fehlt, dem dient auch die wenige Erkenntnis des Guten zu nichts, die er etwa haben mag. Sie haben Augen und sehen nicht, Ohren, und hören nicht, deswegen habe ich nur durch ein Gleichniß zu ihnen gesprochen das ich euch izt erklären will. Der ausgesäete Saamen ist die Erkenntnis des Sittengesezes. Wer nun Gelegenheit hat, zu dieser Erkenntnis zu gelangen, sie aber nicht fest auffaste, dem reist gar leicht ein Verführer das wenige Gute aus dem Herzen, das etwa darein gesäet war – diß

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72