Das Leben Jesu (1795)

[S. 226]

|226| getanzt! nun haben wir euch traurige Lieder gesungen, aber ihr habt auch nicht geweint! Johannes aß kein Brod, und trank keinen Wein – ihr saget, eine böse Laune plage ihn, ich esse und trinke wie andre Leute, da sagt ihr, der Mann ist ein Fresser und Saüfer und geht mit schlechten Leuten um – Doch Weisheit und Tugend werden Verehrer finden, die ihren Werth rechtfertigen werden –

Ohngeachtet dieser Strafpredigt lud ihn ein Pharisäer, Namens Simon, zum Mittagessen ein – Eine Frau, die den Lehren Jesu wahrscheinlich viel zu verdanken hatte, hatte diß erfahren, und kam mit einem Gefäß köstlicher Salben in das Zimmer, näherte sich Jesu. Der Anblik des tugendhaften, und das Gefühl ihres schuldvollen Lebens machte sie Thränen vergiessen und sich zu seinen Füssen werfen, in der Empfindung dessen, was er zu ihrer Reue und Rükkehr auf den Weg der Tugend beigetragen hatte, küste sie seine Füsse, benezte sie mit ihren Thränen und troknete sie mit ihren Loken und salbte sie mit köstlicher Salbe. Die Güte, womit Jesus diese Aüsserungen, worin ein reuvolles und dankbares Herz Linderung findet, aufnahm, die Güte Jesu, die diese Empfindungen nicht zurüksties, beleidigte die Delikatesse der Pharisäer, sie gaben in ihren Mienen ihr Befremden zu erkennen, daß Jesus einer Frau von einem solchen übeln Rufe so gütig begegne – Jesus merkte es und sagte zu Simon, ich hätte dir etwas zu erzählen – Rede nur, sagte Simon – Ein Schuldherr, erzählte Jesus, hat 2 Schuldner, deren einer ihm 500, der andre 50 Denarien schuldig war, da sie ausser stands waren, ihm die Schuld heimzubezahlen, so erlies er sie ihnen. Welcher wird ihn von beiden mehr lieben ? – Wohl der, sagte Simon, dem er am meisten schenkte – Ohne Zweifel, erwiederte Jesus und, indem er auf die Frau [wies:] Schau hieher, fuhr er fort, ich kam in dein Haus, du hast mir kein Wasser, die Füsse zu waschen, angeboten, sie hat sie mit ihren Thränen benezt, und mit den Loken ihres Hauptes abgetroknet, – du hast mir keinen Kuß gegeben, sie hat es nicht unter ihrer Würde gehalten, mir sogar die Füsse zu küssen – du hast mein Haupt nicht mit Oel gesalbt, sie hat es mit köstlicher Salbe meinen Füssen gethan – Einem Weibe, das solcher Liebe, solcher Dankbarkeit fähig ist, sind ihre Fehler, und wenn es schon viele waren, verziehen, Kälte solcher edler Empfindungen zeigt keine Rükkehr

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