Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 398]

|398| das Reich Gottes vorhanden gewesen. Jesus hätte ihnen eigentlich nur ausgesprochen, was unentwickelt und unbewußt in ihrem Herzen lag; und mit dem Finden des Worts, mit dem Ins-Bewußtsein-Kommen des Bedürfnisses wären die Bande abgefallen, vom alten Schicksal hätten sich nur noch Zuckungen des erstorbenen Lebens geregt, und das Neue wäre dagestanden. So aber wollten die Juden zwar etwas anderes als das Bisherige; aber sie gefielen sich zu sehr in dem Stolze ihrer Knechtschaft, um das, was sie suchten, in dem zu finden, was Jesus ihnen anbot. Ihre Gegenwirkung, die Antwort, die ihr Genius auf den Anruf des Jesus gab, war eine sehr unreine Aufmerksamkeit; einige wenige reine Seelen schlossen sich mit dem Triebe, gebildet zu werden, an ihn an; mit großer Gutmütigkeit, mit dem Glauben eines reinen Schwärmers nahm er ihr Verlangen für befriedigtes Gemüt, ihren Trieb für Vollendung, ihre Entsagung einiger bisherigen Verhältnisse, die meist nicht glänzend waren, für Freiheit und geheiltes oder besiegtes Schicksal; denn bald nach seiner Bekanntschaft mit ihnen hielt er sie für fähig und sein Volk für reif, einer ausgebreiteteren Ankündigung des Reiches Gottes zu folgen, er schickte seine Schüler paarweise im Land umher, um seinen Ruf vervielfältigt erschallen zu lassen, aber der göttliche Geist sprach nicht in ihrer Predigt, nach viel längerem Umgang lassen sie noch so häufig eine kleine, wenigstens ungereinigte Seele blicken, von der wenige Äste nur das Göttliche durchdrungen hatte. Ihre ganze Instruktion außer dem Negativen, das sie enthält, war, die Nähe des Reiches Gottes zu verkündigen. Sie sammeln sich bald wieder zu Jesu, und man erblickt keine Wirkung der Hoffnung Jesu und ihres Apostolisierens. Die Gleichgültigkeit der Aufnahme seines Aufrufs verwandelte sich bald in Haß gegen ihn, dessen Wirkung auf ihn eine immer steigende Erbitterung gegen sein Zeitalter und sein Volk war, vorzüglich gegen die, in welchen der Geist seiner Nation am stärksten und leidenschaftlichsten wohnte, gegen die Pharisäer und die Führer des Volks; sein Ton gegen sie

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