Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

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|361| befriedigen kann, eine Rangordnung machen, so erklärt er sich gegen die, die er hintansetzt, für nicht so schuldig als gegen andere, die er höhere nennt; Tugenden können also aufhören, absolute Pflicht zu sein, sie können sogar Laster werden. In dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und Menge der Tugenden bleibt nichts übrig als Verzweiflung der Tugend und Verbrechen der Tugend selbst. Nur wenn keine Tugend darauf Anspruch macht, in ihrer beschränkten Form fest und absolut zu bestehen, wenn sie darauf Verzicht tut, auch in dem Verhältnisse, in welchem sie allein eintreten kann, eintreten zu müssen; wenn der eine lebendige Geist allein nach dem Ganzen der gegebenen Verhältnisse, aber in völliger Unbeschränktheit, ohne durch ihre Mannigfaltigkeit zugleich geteilt zu werden, handelt, sich selbst beschränkt, dann bleibt nur die Vielseitigkeit der Verhältnisse, aber die Menge absoluter und unverträglicher Tugenden schwindet. Es kann hier nicht davon die Rede sein, daß bei allen Tugenden ein und ebenderselbe Grundsatz zum Grunde liegt, welcher immer derselbe [ist, aber] unter verschiedenen Verhältnissen in verschiedener Modifikation als eine besondere Tugend erscheint; denn eben darum, weil ein solches Prinzip ein Allgemeines und also ein Begriff ist, so muß unter bestimmten Verhältnissen notwendig die bestimmte Anwendung, eine bestimmte Tugend, eine gewisse Pflicht eintreten (die mannigfachen Verhältnisse als gegebene Wirklichkeiten, ebenso das Prinzip [als] die Regel für alle und also die Anwendungen des Prinzips auf die Wirklichkeiten, die mannigfaltigen Tugenden sind unwandelbar); in einer solchen Absolutheit des Bestehens zerstören sich die Tugenden gegenseitig. Die Einheit derselben durch die Regel ist nur scheinbar, weil sie nur ein Gedachtes ist und eine solche Einheit die Mannigfaltigkeit weder aufhebt noch vereinigt, sondern in ihrer ganzen Stärke bestehen läßt.

Ein lebendiges Band der Tugenden, eine lebendige Einheit ist eine ganz andere als die Einheit des Begriffs, sie stellt nicht für bestimmte Verhältnisse eine bestimmte Tugend auf,

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