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|359| heiligen Erguß eines liebenden Gemüts; warum bekümmert ihr sie? sagt Jesus, sie hat ein schönes Werk an mir getan; – und es ist das einzige, was in der Geschichte Jesu den Namen eines schönen führt; so unbefangen, so ohne Zweck irgendeiner Nutzanwendung in Tat oder Lehre äußert sich nur ein Weib voll Liebe. Wohl nicht um einer Eitelkeit willen, auch nicht um die Jünger auf den eigentlichen Standpunkt zu stellen, aber um Ruhe für die Situation zu gewinnen, muß Jesus ihnen eine Seite zuwenden, für die sie empfänglich sind, mit der er ihnen nicht das Schöne derselben erklären will. Er leitet eine Art von Verehrung seiner Person aus der Handlung ab. Gegen rohe Seelen muß man sich begnügen, nur eine Entweihung eines schönen Gemüts durch sie abzuwenden; es wäre vergebens, einer groben Organisation den feinen Duft des Geistes erklären zu wollen, dessen Anhauch für sie unempfindbar war. „Sie hat mich“, sagt Jesus, „im voraus auf mein Begräbnis gesalbt.“ „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebet. Gehe hin in Frieden, dein Glaube hat dich gerettet.“ Wollte man sagen, es wäre besser gewesen, daß Maria in das Schicksal des Judenlebens sich gefügt hätte, ein Automat ihrer Zeit, rechtlich und gemein, ohne Sünde und ohne Liebe abgelaufen wäre? Ohne Sünde, denn die Zeit ihres Volkes war wohl eine von denen, in welcher das schöne Gemüt ohne Sünde nicht leben, aber zu dieser wie zu jeder anderen Zeit durch Liebe zum schönsten Bewußtsein zurückkehren konnte.
Die Liebe versöhnt aber nicht nur den Verbrecher mit dem Schicksal, sie versöhnt auch den Menschen mit der Tugend; d. h. wenn sie nicht das einzige Prinzip der Tugend wäre, so wäre jede Tugend zugleich eine Untugend. Der völligen Knechtschaft unter dem Gesetze eines fremden Herrn setzte Jesus nicht eine teilweise Knechtschaft unter einem eigenen Gesetze, den Selbstzwang der Kantischen Tugend entgegen, sondern36) Tugenden ohne Herrschaft und ohne Unterwerfung,
36) Im Manuskript gestrichen: die tugendhafte Gesinnung – der Ausdruck Gesinnung hat die Unbequemlichkeit, daß er nicht die Tätigkeit, die handelnde Tugend zugleich mitanzeigt.
