Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 294]

|294| Gott wieder auf; ihr Trieb nach Unabhängigkeit war eigentlich Trieb nach Abhängigkeit von etwas Eigenem.

b) Diese Veränderungen, die andere Nationen oft nur in Jahrtausenden durchlaufen, mußten beim jüdischen Volke so schnell sein; jeder seiner Zustände war zu gewaltsam, als daß er hätte lange anhalten können; der Zustand der Unabhängigkeit, an allgemeine Feindschaft geknüpft, konnte nicht festhalten, er ist zu sehr der entgegengesetzte der Natur; der Zustand der Unabhängigkeit anderer Völker ist ein Zustand des Glücks, ein Zustand schönerer Menschlichkeit; der Zustand der Unabhängigkeit der Juden sollte ein Zustand einer völligen Passivität, einer völligen Häßlichkeit sein. Weil ihre Unabhängigkeit ihnen nur Essen und Trinken, eine dürftige Existenz sicherte, so war mit der Unabhängigkeit, mit diesem Wenigen auch alles verloren oder in Gefahr, es blieb nichts Lebendiges mehr übrig, das sie sich erhalten und dessen sie sich hätten erfreuen [können], dessen Genuß sie manche Not ertragen, vieles hätte aufopfern gelehrt; in dem Druck kam das kümmerliche Dasein unmittelbar in Gefahr, zu dessen Rettung sie losschlugen.10) Dies tierische Dasein war nicht mit der schöneren Form der Menschheit verträglich, die ihnen Freiheit gegeben hätte.

10) Im Manuskript gestrichen: Sie konnten nicht, wie spätere Schwärmer, sich dem Beile oder dem Hungertode hingeben, weil sie an keiner Idee, sondern an einem tierischen Dasein hingen; und sie glaubten an ihren Gott, weil sie, mit der Natur völlig entzweit, in ihm die Vereinigung derselben durch Herrschaft fanden.

Als die Juden die königliche Gewalt (die Moses für verträglich mit der Theokratie, Samuel aber damit für unverträglich hielt) bei sich einführten, erhielten viele Einzelne eine politische Wichtigkeit, die sie zwar mit den Priestern teilen oder gegen sie verteidigen mußten; wie in freien Staaten die Einführung der Monarchie alle Bürger zu Privatpersonen hinabwirft, so erhob sie dagegen in diesem Staate, in welchem jeder ein politisches Nichts war, wenigstens Einzelne zu einem mehr oder weniger eingeschränkten Etwas.

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