Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 343]

|343| seinem Morde nicht vertilgt war, sondern im Augenblicke darauf doch seinen Stuhl einnahm; nicht als Genosse des Mahls, sondern als böser Geist. Der Verbrecher meinte es mit fremdem Leben zu tun zu haben; aber er hat nur sein eigenes Leben zerstört; denn Leben ist vom Leben nicht verschieden, weil das Leben in der einigen Gottheit ist; und in seinem Übermut hat er zwar zerstört, aber nur die Freundlichkeit des Lebens: er hat es in einen Feind verkehrt. Erst die Tat hat ein Gesetz erschaffen, dessen Herrschaft nun eintritt; dies Gesetz ist die Vereinigung im Begriffe der Gleichheit des anscheinend fremden verletzten und des eigenen verwirkten Lebens. Jetzt erst tritt das verletzte Leben als eine feindselige Macht gegen den Verbrecher auf und mißhandelt ihn, wie er mißhandelt hat; so ist die Strafe als Schicksal die gleiche Rückwirkung der Tat des Verbrechers selbst, einer Macht, die er selbst bewaffnet, eines Feindes, den er selbst sich zum Feinde machte. Mit dem Schicksal scheint eine Versöhnung noch schwerer denkbar zu sein als mit dem strafenden Gesetz, da, um das Schicksal zu versöhnen, die Vernichtung aufgehoben werden zu müssen scheint. Aber das Schicksal hat vor dem strafenden Gesetz in Ansehung der Versöhnbarkeit das voraus, daß es innerhalb des Gebietes des Lebens sich befindet, ein Verbrechen unter Gesetz und Strafe [dagegen] im Gebiete unüberwindlicher Entgegensetzungen, absoluter Wirklichkeiten. In diesem ist keine Möglichkeit denkbar, wie die Strafe aufgehoben werden und das Bewußtsein der bösen Wirklichkeit verschwinden könnte, weil das Gesetz eine Macht ist, welcher das Leben untertan ist, über welcher nichts, über welcher selbst nicht die Gottheit ist, denn sie ist nur die Gewalt des höchsten Gedankens, nur der Handhaber des Gesetzes. Eine Wirklichkeit kann nur vergessen werden, d. h. in einer anderen Schwäche sich als Vorgestelltes verlieren, wodurch ihr Sein doch als bleibend gesetzt würde. Aber bei der Strafe als Schicksal ist das Gesetz später als das Leben und steht tiefer als dieses. Es ist nur die Lücke desselben, das mangelnde

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145