Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

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Aug um Auge, Zahn um Zahn, sagen die Gesetze; die Wiedervergeltung und die Gleichheit derselben ist das heilige Prinzip aller Gerechtigkeit, das Prinzip, auf dem jede Staatsverfassung ruhen muß. Aber Jesus fordert im allgemeinen Aufgebung des Rechts, Erhebung über die ganze Sphäre der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit durch Liebe, in welcher, mit dem Rechte, auch dies Gefühl der Ungleichheit und das Soll dieses Gefühls, das Gleichheit fordert, d. i. der Haß gegen Feinde verschwindet.

Die Gesetze und Pflichten, von denen Jesus bisher sprach, waren im ganzen bürgerliche, und die Ergänzung, die er ihnen gab, war nicht die, daß er sie als Gesetze und Pflichten bestätigte, aber als Triebfeder reine Achtung für sie forderte, sondern zeigt vielmehr Verachtung gegen sie, und seine Ergänzung ist ein Geist, dessen Handlungen, wenn sie etwa nach Gesetzen und Pflichtgeboten beurteilt werden, denselben gemäß befunden werden, der aber kein Bewußtsein für Pflichten und Rechte hat. Weiterhin spricht er von einer bloß moralischen Pflicht, der Tugend der Wohltätigkeit; Jesus verurteilt bei ihr, wie beim Gebet und Fasten, das Einmischen eines Fremden, die Unreinheit der Handlung; tut es nicht, um gesehen zu werden -: der Zweck der Handlung, d. h. die Handlung als gedachte, ehe sie noch getan ist, sei gleich der vollbrachten Handlung. Außer dieser Heuchelei, die in den Gedanken der Handlung das andere, von den Menschen gesehen zu werden, einmischt, das nicht in der Handlung ist, scheint Jesus auch hier selbst das Bewußtsein der Handlung als einer erfüllten Pflicht zu entfernen. Laß die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, kann nicht vom Bekanntwerden der Handlung genommen werden, sondern ist das Gegenteil des: von den Leuten gesehen werden, und wenn es also einen Sinn haben soll, so wird es die eigene Reflexion über seine Pflichtgemäßheit bezeichnen. Ob bei der Handlung nur ich, oder ob ich denke, daß auch andere mir zuschauen, ob ich nur mein Bewußtsein oder auch den Beifall anderer genieße, ist wohl kein großer Unterschied.

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