Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 333]

|333| zu haben, wie auch das Bewußtsein des Jünglings, ein treuer Beobachter aller Gesetze gewesen zu sein (Matth. 19, 20), dies gute Gewissen ist darum eine Heuchelei, weil es teils, wenn es schon mit der Absicht der Handlung verbunden ist, eine Reflexion über sich selbst, über die Handlung, ein Unreines, nicht zur Handlung Gehöriges ist, teils, wenn es eine Vorstellung seiner selbst als eines moralischen Menschen ist, [wie sie] beim Pharisäer und bei jenem Jüngling sich gibt, eine Vorstellung [ist], deren Inhalt die Tugenden sind, d. h. Beschränkte, denen ihr Kreis gegeben, [die] in ihrem Stoff begrenzt sind, also alle zusammen ein Unvollständiges sind, da das gute Gewissen, das Bewußtsein, seine Pflichten erfüllt zu haben, sich zum Ganzen heuchelt.

In eben diesem Geiste spricht Jesus vom Beten und Fasten; beides entweder ganz objektive, durchaus gebotene Pflichten oder nur in einem Bedürfnis gegründet; sie sind nicht fähig, als moralische Pflichten vorgestellt zu werden, weil sie keine Entgegensetzung voraussetzen, die in einem Begriffe vereinigt zu werden fähig wäre; Jesus rügt bei beidem den Schein, den man sich vor den Menschen damit gibt, und beim Gebet besonders auch das viele Schwätzen, wodurch es das Ansehen einer Pflicht und der Ausübung derselben erhält. Das Fasten beurteilt Jesus (Matth. 9, 15) nach der Empfindung, die dabei zum Grunde liegt, nach dem Bedürfnis, das dazu treibt. Außer der Entfernung der Unreinheit beim Gebet gibt Jesus auch eine Art zu beten an; die Rücksicht auf das Wahre des Gebets gehört nicht an diese Stelle.

Über die folgende Forderung von Abwerfung der Lebenssorgen und Verachtung der Reichtümer sowie über Matth. 19, 23: wie schwer ist es, daß ein Reicher ins Reich Gottes komme, ist wohl nichts zu sagen; es ist eine Litanei, die nur in Predigten oder in Reimen verziehen wird, denn eine solche Forderung hat keine Wahrheit für uns. Das Schicksal des Eigentums ist uns zu mächtig geworden, als daß Reflexionen darüber erträglich, seine Trennung von uns uns denkbar wäre. Aber soviel ist doch einzusehen, daß der

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