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|355| zwar in ihm, aber nicht entwickelt ist, d. h. daß er in Handlung und Tätigkeit noch nicht gegen die Welt ins Gleichgewicht und Ruhe gesetzt, daß er noch nicht zum festen Bewußtsein seines Verhältnisses zu den Dingen gekommen ist, so glaubt er nur noch, – so drückt sich Jesus Joh. 12, 36 aus: Bis ihr selbst das Licht habt, glaubet an das Licht, damit ihr selbst Söhne des Lichtes werdet. Von Jesus dagegen ist Joh. 2, 25 gesagt, daß er sich den Juden, die an ihn glaubten, nicht anvertraut habe, weil er sie kannte und weil er ihres Zeugnisses nicht bedurfte, sich nicht erst in ihnen erkannte.
Kühnheit, die Zuversicht der Entscheidung über die Fülle des Lebens, den Reichtum der Liebe liegt in dem Gefühle desjenigen, der die ganze Menschennatur in sich trägt; ein solches Gemüt bedarf der hochgerühmten profunden Menschenkennerei nicht, die für zerrissene Wesen, deren Natur eine große Mannigfaltigkeit, viele und verschiedenfarbige Einseitigkeiten ohne Einheit in sich schließt, freilich eine Wissenschaft von großem Umfang und großer Zweckmäßigkeit ist, denen aber das, was sie suchen, der Geist immer entschlüpft und nur Bestimmtheiten sich anbieten, – eine ganze Natur hat im Moment eine andere durchgefühlt und ihre Harmonie oder Disharmonie empfunden; daher der unbedenkliche zuversichtliche Ausspruch Jesu: Deine Sünden sind dir vergeben.
Im Geiste der Juden freilich stand zwischen Trieb und Handlung, Lust und Tat, zwischen Leben und Verbrechen und Verbrechen und Verzeihung eine unübersteigliche Kluft, ein fremdes Gericht; und wenn sie auf ein Band zwischen Sünde und Versöhnung im Menschen in der Liebe verwiesen wurden, mußte ihr liebeloses Wesen empört und ein solcher Gedanke, wenn ihr Haß die Form eines Urteils trug, für sie der Gedanke eines Wahnsinnigen sein. Denn sie hatten alle Harmonie der Wesen, alle Liebe, Geist und Leben einem fremden Objekte anvertraut, aller Genien, in denen die Menschen vereinigt sind, sich entäußert und die Natur in
