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|351| mit der Erhabenheit über alles Schicksal das höchste, unglücklichste Schicksal vereinbar. Ein Gemüt, das so über die Rechtsverhältnisse erhaben, von keinem Objektiven befangen ist, hat dem Beleidiger nichts zu verzeihen, denn dieser hat ihm kein Recht verletzt, denn es hat es aufgegeben, wie sein Objekt angetastet wurde. Es ist für die Versöhnung offen, denn es ist ihm möglich, sogleich jede lebendige Beziehung wieder aufzunehmen, in die Verhältnisse der Freundschaft, der Liebe wieder einzutreten, da es in sich kein Leben verletzt hat; von seiner eigenen Seite steht ihm in sich keine feindselige Empfindung im Wege, kein Bewußtsein, keine Forderung an den anderen, das verletzte Recht wiederherzustellen, kein Stolz, der vom anderen das Bekenntnis verlangte, in einer niedrigeren Sphäre, dem rechtlichen Gebiete, unter ihm gewesen zu sein. Die Verzeihung der Fehler, die Bereitwilligkeit, sich mit dem anderen zu versöhnen, macht Jesus so bestimmt zur Bedingung der Verzeihung für seine eigenen Fehler34), der Aufhebung eines eigenen feindseligen Schicksals. Beides sind nur verschiedene Anwendungen desselben Charakters der Seele. In der Versöhnung gegen Beleidiger besteht das Gemüt nicht mehr auf der rechtlichen Entgegensetzung, die es gegen jenen erwarb, und indem es das Recht, als sein feindliches Schicksal, den bösen Genius des anderen aufgibt, versöhnt es sich mit ihm und hat für sich selbst ebensoviel im Gebiet des Lebens gewonnen, ebensoviel Leben, das ihm feindlich war, sich zum Freunde gemacht, das Göttliche mit sich versöhnt, und
34) Im Manuskript gestrichen: und dieses folgt notwendig aus jener; denn jene ist das Gegenteil oder die Aufhebung der Feindschaft und der rechtlichen Entgegensetzung, und diese allein regt das Schicksal auf; wer andere sich entgegengestellt hat und gegen die versöhnlich ist, die sich ihm entgegenstellten, in dem ist das Gemüt vorhanden, das die von ihm erweckten Rechte und Feindschaften selbst aufheben mag. – Versöhnlichkeit gegen Beleidiger ist nur eine andere Seite der Versöhnlichkeit gegen Beleidigte, der Wiederherstellung des von sich selbst verletzten Lebens, der Aufhebung des durch eigene Tat erhobenen Schicksals. Darum wiederholt es Jesus so oft: So ihr den Menschen ihre Fehler vergebt, so wird sie euch euer himmlischer Vater auch vergeben.
