Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

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|350| ertragen, ihm gegenüberstehen, denn ihre Schmerzen sind nicht eine reine Passivität, die Übermacht eines Fremden, sondern ihr eigenes Produkt.) Um sich zu retten, tötet der Mensch sich; um das Seinige nicht in fremder Gewalt zu sehen, nennt er es nicht mehr das Seinige, und so vernichtet er sich, indem er sich erhalten wollte, denn was unter fremder Gewalt wäre, wäre nicht mehr er, und es ist nichts, das nicht angegriffen und das nicht aufgegeben werden könnte.33) Das Unglück kann so groß werden, daß ihn sein Schicksal, diese Selbsttötung in Verzichttun auf Leben so weit treibt, daß er sich ganz ins Leere zurückziehen muß. Indem sich aber so der Mensch das vollständigste Schicksal selbst gegenübersetzt, so hat er sich zugleich über alles Schicksal erhoben; das Leben ist ihm untreu geworden, aber er nicht dem Leben; er hat es geflohen, aber nicht verletzt, und er mag sich nach ihm, als einem abwesenden Freunde, sehnen, aber es kann ihn nicht als ein Feind verfolgen; und er ist auf keiner Seite verwundbar, wie die schamhafte Pflanze zieht er sich bei jeder Berührung in sich [zurück], und ehe er das Leben sich zum Feinde machte, ehe er ein Schicksal gegen sich aufreizte, entflieht er dem Leben; so verlangte Jesus von seinen Freunden, Vater, Mutter, alles zu verlassen, um nicht in einen Bund mit der entwürdigten Welt und so in die Möglichkeit eines Schicksals zu kommen. Ferner: Wer dir deinen Rock nimmt, dem gib auch den Mantel; wenn ein Glied dich ärgert, so haue es ab. Die höchste Freiheit ist das negative Attribut der Schönheit der Seele, d. h. die Möglichkeit, auf alles Verzicht zu tun, um sich zu erhalten. Wer aber sein Leben retten will, der wird es verlieren. So ist mit der höchsten Schuldlosigkeit die höchste Schuld,

33) Im Manuskript gestrichen: Beides, der Kampf und das Vergeben, sollte seine Grenzen haben.
Und so schwankt auch Jesus mehr in seinem Betragen als in seiner Lehre zwischen beidem. Wird der Mensch durch Anderer Tat in ein Schicksal verflochten, so kann er dieses versöhnen, wenn er von seiner Seite die Feindschaft gar nicht stattfinden läßt oder sie aufhebt, dem Beleidiger verzeiht und sich mit ihm versöhnt.

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