Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 316]

|316| Zeitalter (Matth. 11). Beschränkung ihrer Wirksamkeit auf νηπίους, ϰοπιωντας, πεϕοϱτισμένους [Unmündige, Mühselige, Beladene]; von hier beginnen seine heftigen Ausdrücke gegen die Pharisäer; seine Antworten über Fragen, Anlässe gehen nur darauf, sie zum Schweigen zu bringen, nur polemisch, das Wahre richtet er an die anderen Zuhörer.

Matth. 12, 49: Trennung Jesu von den Beziehungen des Lebens.

Parabeln Matth. 13. Über die Art der Ausbreitung seiner Lehre, des Schicksals derselben, alle (vom guten Sämann, Weizen und Unkraut, Senfkorn, Hefeteig, gefundener Schatz usw.) ganz analog mit den Mythen – aber freilich jüdischen, an Wirklichkeiten [angeknüpft]. Es ist in ihnen kein fabula docet, keine Moral kommt aus ihnen, sondern das Geschichtliche, das Werden, der Fortgang des Seienden, des Ewigen, des Lebendigen; – das Werden des Seins ist das Geheimnis der Natur; und alles fade Geschwätz von innigerer Überzeugung vom Guten usw. ist unendlich sinnloser als die übernatürliche Erleuchtung, Wiedergeburt usw. Die Menge der Parabeln zeigt das Unvermögen, das darzustellen, auf was sie deuten sollen. nur daß das Kostbare ein großes Wünschenswertes, aber ein anderes ist, als sie kennen. V. 55: Sie sehen nichts als die Wirklichkeit, nicht den Geist, nichts, als was sie selbst sind. So auch Matth. 25. Diese Parabeln sind weder morgenländische Allegorien, noch griechische Mythen; diese beiden sprechen von der Sache selbst, von dem Sein, von dem Schönen, dessen Entwicklung, aus sich Herausgehen, Veränderungen bei den Orientalen meist so ungeheure und unnatürliche Geburten werden, weil sie für sich – von der Phantasie allein, also als Ungeheuer gehalten werden, [während sie] bei den Griechen zwar auch als Substanzen, als Modifikationen in einem Lebendigen, Wirklichen auftreten, aber von der Phantasie doch an eine natürliche Handlung an eine Menschenform geheftet werden; sie verlieren das Idealische dadurch nicht, das ihnen die orientalischen Ungeheuer behalten wollen; es wird doch kein individuelles Leben (Ceres, Venus usw.); das Unmenschliche dieser Göttergestalten ist nur Befreiung von dem ihnen Heterogenen, z. B. Schwere, Arbeit, Not usw. Diese Parabeln Christi sind eigentliche Gleichnisse, moderne Fabeln, in denen es ein tertium comparationis gibt, d. h. wo das Gleiche gedacht ist (in den alten äsopischen Fabeln waren es selbst Triebe, Instinkte, das gleich modifizierte Leben), in den Parabeln ganz wirkliche Geschichten, daher immer ein Gleichwie.

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