[S. 347]
|347| Strenge scheint oft in die schreiendste Ungerechtigkeit überzugehen, wenn es der erhabensten Schuld, der Schuld der Unschuld gegenüber um so fürchterlicher auftritt. Weil nämlich die Gesetze nur gedachte Vereinigungen von Entgegensetzungen sind, so erschöpfen diese Begriffe bei weitem die Vielseitigkeit des Lebens nicht; und die Strafe übt nur soweit ihre Herrschaft aus, als das Leben zum Bewußtsein gekommen, wo eine Trennung im Begriffe vereinigt worden ist; aber über die Beziehungen des Lebens, die nicht aufgelöst, über die Seiten des Lebens, die lebendig vereinigt, gegeben sind, über die Grenzen der Tugenden hinaus übt sie keine Gewalt. Das Schicksal hingegen ist unbestechlich und unbegrenzt, wie das Leben; es kennt keine gegebenen Verhältnisse, keine Verschiedenheiten der Standpunkte, der Lage, keinen Bezirk der Tugend; wo Leben verletzt ist, sei es auch noch so rechtlich, so mit Selbstzufriedenheit geschehen, da tritt das Schicksal auf, und man kann darum sagen, nie hat die Unschuld gelitten, jedes Leiden ist Schuld. Aber die Ehre einer reinen Seele ist um so größer, mit je mehr Bewußtsein sie Leben verletzt hat, um das Höchste zu erhalten, um so viel schwärzer das Verbrechen ist, mit je mehr Bewußtsein eine unreine Seele Leben verletzt.
Ein Schicksal scheint nur durch fremde Tat entstanden, diese ist [indes] nur die Veranlassung; wodurch es aber entsteht, ist die Art der Aufnahme und der Reaktion gegen die fremde Tat. Wer einen ungerechten Angriff leidet, kann sich wehren und sich und sein Recht behaupten, oder auch sich nicht wehren; mit seiner Reaktion, sie sei duldender Schmerz oder Kampf, fängt seine Schuld, sein Schicksal an; in beiden Fällen leidet er, – keine Strafe, aber auch nicht Unrecht; im Kampf hält er an seinem Rechte fest und behauptet es; auch im Dulden gibt er sein Recht nicht auf; sein Schmerz ist der Widerspruch, daß er sein Recht erkennt, aber die Kraft nicht hat, in der Wirklichkeit es festzuhalten; er streitet nicht dafür, und sein Schicksal ist seine Willenlosigkeit. Wer für das kämpft, was in Gefahr ist, hat das nicht verloren, für
