Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 327]

|327| Fremder, ein Gedachtes wäre. Da aber hier in dem Komplement der Gesetze (und was damit zusammenhängt) Pflicht, moralische Gesinnung und dergleichen aufhört, Allgemeines, der Neigung [entgegengesetzt], und die Neigung aufhört, Besonderes, dem Gesetze entgegengesetzt zu sein, so ist jene Übereinstimmung Leben und, als Beziehung Verschiedener, Liebe, ein Sein, das als Begriff, Gesetz ausgedrückt notwendig dem Gesetze, d. h. sich selbst gleich, oder als Wirkliches, als Neigung, dem Begriffe entgegengesetzt, gleichfalls sich selbst, der Neigung, gleich ist.23)

23) Im Manuskript gestrichen: Jedes Gebot kann darum nur ein Sollen ausdrücken, weil es ein allgemeines ist, es kündigt dadurch sogleich seine Mangelhaftigkeit an, daß es kein Sein aussagt; einem solchen Gebot: du sollst nicht töten, setzt Jesus eine Tugend entgegen, die Gesinnung der Menschenliebe, die nicht nur jenes Gebot seinem Inhalte nach überflüssig macht, sondern auch ein Gebot seiner Form nach, die Entgegensetzung desselben als eines Gebietenden gegen ein Widerstehendes aufhebt, jeden Gedanken von Aufopferung, Zerstörung oder Unterjochung des Gemüts entfernt; sie ist zugleich, von einer reicheren lebendigen Fülle als das kalte Gebot der Vernunft;

So ist das Gebot: du sollst nicht töten, ein Grundsatz, der für den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig erkannt wird, der als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann. Jesus setzt einem solchen Gebot den höheren Genius der Versöhnlichkeit (einer Modifikation der Liebe) entgegen, der nicht nur nicht gegen jenes Gesetz handelt, sondern es ganz überflüssig macht, so viel reicher lebendiger Fülle in sich schließt, daß für ihn so etwas Dürftiges als so ein Gesetz gar nicht ist. Was der Versöhnlichkeit, da in ihr das Gesetz seine Form verliert, der Begriff vom Leben verdrängt wird, an der Allgemeinheit, die im Begriff alles Besondere in sich faßt, abgeht, ist nur ein scheinbarer Verlust und ein wahrer unendlicher Gewinn durch den Reichtum lebendiger Beziehungen mit den vielleicht wenigen Individuen, mit denen sie in Verhältnis kommt. Sie schließt nicht Wirkliches, sondern Gedachtes, Möglichkeiten aus, und dieser Reichtum der Möglichkeit in der Allgemeinheit des Begriffs, die Form des Gebots, ist selbst eine Zerreißung des Lebens und seinem

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