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|358| dem Hause eines Pharisäers speise, in einer großen Versammlung rechtlicher, rechtschaffener Leute (honnêtes gens, die bittersten gegen die Fehler einer schönen Seele), ihr Gemüt treibt sie durch diese Gesellschaft zu Jesu, sie tritt hinten zu seinen Füßen, weinet und netzt seine Füße mit ihren Tränen und trocknet sie mit den Haaren ihres Hauptes, küßt sie und salbet sie mit Salben, mit unverfälschtem und köstlichem Nardenwasser. Die schüchterne, sich selbstgenügende stolze Jungfräulichkeit kann das Bedürfnis der Liebe nicht laut werden lassen, kann noch viel weniger bei der Ergießung der Seele (ihre Sünden sind, sich über das Rechtliche weggesetzt zu haben) den gesetzlichen Blicken rechtlicher Leute, der Pharisäer und der Jünger trotzen, aber eine tiefverwundete, der Verzweiflung nahe Seele muß sich und ihre Blödigkeit überschreien und, ihrem eigenen Gefühl der Rechtlichkeit zum Trotz, die ganze Fülle von Liebe geben und genießen, um [in] diesem innigen Genuß ihr Bewußtsein zu versenken. – Der rechtschaffene Simon fühlt im Angesicht dieser fließenden Tränen, dieser lebendigen, alle Schuld tilgenden Küsse, dieser Seligkeit der aus ihrem Erguß Versöhnung trinkenden Liebe nur die Unschicklichkeit, daß Jesus [sich] mit einer solchen Kreatur einlasse, er setzt dies Gefühl so sehr voraus, daß er es nicht ausdrückt, daß es [ihn] nicht beschäftigt, sondern sogleich kann er die Konsequenz ziehen, wenn Jesus ein Seher wäre, so würde er wissen, daß dies Weib eine Sünderin ist. Ihr sind die vielen Sünden vergeben, sagt Jesus, denn sie hat viel geliebt; welchem aber wenige vergeben werden, der hat wenig geliebt. – Bei Simon hatte nur seine Urteilskraft sich geäußert; bei den Freunden Jesu regt sich ein viel edleres, ein moralisches Interesse: das Wasser hätte wohl um dreihundert Groschen verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können; ihre moralische Tendenz, den Armen wohlzutun, ihre wohlberechnende Klugheit, ihre aufmerksame Tugend, mit Verstand verbunden, ist nur eine Roheit; denn sie faßten die schöne Situation nicht nur nicht, sie beleidigten sogar den
