Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 321]

|321| Jesus (Matth. 15, 2) die ganze Subjektivität des Menschen entgegen, und über die Knechtschaft gegen ein Gebotenes, [über die] Reinheit oder Unreinheit eines Objektes die Reinheit oder Unreinheit des Herzens. Er machte die unbestimmte Subjektivität, den Charakter zu einer ganz anderen Sphäre, die mit der pünktlichen Befolgung objektiver Gebote gar nichts gemein habe.

Anders als gegen die rein objektiven Gebote, denen Jesus etwas ganz Fremdes, das Subjektive im allgemeinen entgegenhielt, verhielt sich Jesus gegen diejenigen Gesetze, die wir nach verschiedener Rücksicht entweder moralische oder bürgerliche Gebote nennen17). Da sie natürliche Beziehungen des Menschen in der Form von Geboten ausdrücken, so besteht die Verirrung in Ansehung derselben darin, wenn sie entweder ganz oder zum Teil objektiv werden. Da Gesetze Vereinigungen Entgegengesetzter in einem Begriff sind, der sie also als Entgegengesetzte läßt, der Begriff aber selbst in der Entgegensetzung gegen Wirkliches besteht, so drückt er ein Sollen aus; insofern der Begriff nicht seinem Inhalt nach, sondern seiner Form nach, daß er Begriff, vom Menschen gemacht und gefaßt ist, [betrachtet wird,] ist das Gebot moralisch; insofern bloß auf den Inhalt gesehen wird, als die bestimmte Vereinigung bestimmter Entgegengesetzter, und das Sollen also nicht von der Eigenschaft des Begriffs stammt, sondern durch eine fremde Macht behauptet wird, sofern ist das Gebot bürgerlich. Weil bei der letzteren Rücksicht die Vereinigung der Entgegengesetzten nicht begriffen, nicht subjektiv ist, so enthalten bürgerliche Gesetze die Grenze der Entgegensetzung mehrerer Lebendiger – die rein moralischen aber bestimmen die Grenze der Entgegensetzung in einem Lebendigen; jene also schränken die Entgegensetzung Lebendiger gegen Lebendige, diese die Entgegensetzung einer Seite, einer Kraft eines Lebendigen gegen

17) Im Manuskript gestrichen: welche insofern subjektiv sind, als sie in einer Tätigkeit des menschlichen Wesens, in einer seiner Kräfte gegründet sind.

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145