Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 354]

|354| [sind sie] unter ihm. Die Elemente der Wirklichkeit haben sich aufgelöst, Geist und Körper haben sich getrennt; die Tat besteht zwar noch, aber als ein Vergangenes, als ein Fragment, als tote Trümmer; derjenige Teil derselben, der böses Gewissen war, ist verschwunden; und die Erinnerung der Tat ist nicht mehr eine Anschauung seiner selbst; das Leben hat in der Liebe das Leben wiedergefunden. Zwischen Sünde und ihre Vergebung tritt sowenig als zwischen Sünde und Strafe ein Fremdes ein; das Leben entzweite sich mit sich selbst und vereinigte sich wieder.

Daß auch Jesus den Zusammenhang zwischen Sünde und Vergebung der Sünde, zwischen Entfremdung von Gott und Versöhnung mit ihm, nicht außer der Natur fand, kann vollständig erst späterhin gezeigt werden; hier kann immer so viel angeführt werden, daß er die Versöhnung in Liebe und Lebensfülle setzte und sich so bei jeder Veranlassung in wenig abwechselnder Form äußerte. Wo er Glauben fand, tat er kühn den Ausspruch: Dir sind deine Sünden vergeben. Dieser Ausspruch ist kein objektives Zernichten der Strafe, kein Zerstören des noch bestehenden Schicksals, sondern die Zuversicht, die im Glauben der ihn Fassenden sich selbst, ein ihm gleiches Gemüt erkannte, darin seine Erhebung über Gesetz und Schicksal las und ihm Vergebung der Sünden ankündigte; mit so vollem Zutrauen an einen Menschen, mit solcher Hingebung an ihn, mit der sich nichts zurückbehaltenden Liebe kann nur eine reine oder gereinigte Seele sich dem Reinen in die Arme werfen; und Glauben an Jesus heißt mehr, als seine Wirklichkeit wissen und die eigene an Macht und Stärke geringer fühlen und ein Diener sein; Glauben ist eine Erkenntnis des Geistes durch Geist, und nur gleiche Geister können sich erkennen und verstehen, ungleiche erkennen nur, daß sie nicht sind, was der andere ist; Verschiedenheit der Geistesmacht, der Grade der Kraft ist nicht Ungleichheit, der Schwächere aber hängt sich an den Höheren als ein Kind oder kann an ihn hinauferzogen werden. Solange er in einem anderen die Schönheit liebt und sie

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145