Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 334]

|334| Besitz von Reichtum, mit allen den Rechten sowie mit allen Sorgen, die damit zusammenhängen, Bestimmtheiten in den Menschen bringt, deren Schranken den Tugenden ihre Grenze setzen, ihnen Bedingungen und Abhängigkeiten angeben, innerhalb derer wohl für Pflichten und Tugenden Raum ist, die aber kein Ganzes, kein vollständiges Leben zulassen, weil es an Objekte gebunden [ist], Bedingungen seiner außer sich selbst hat, weil dem Leben noch etwas als eigen zugegeben ist, was doch nie sein Eigentum sein kann. Der Reichtum verrät sogleich seine Entgegensetzung gegen die Liebe, gegen die Ganzheit dadurch, daß er ein Recht und in einer Mannigfaltigkeit von Rechten begriffen ist, wodurch teils seine unmittelbar auf ihn sich beziehende Tugend, die Rechtschaffenheit, teils die anderen innerhalb seines Kreises möglichen Tugenden notwendig mit Ausschließung verbunden und jeder Tugendakt an sich selbst ein Entgegengesetztes ist. An einen Synkretismus, einen Zweiherrendienst ist nicht zu denken, weil das Unbestimmte und das Bestimmte mit Beibehaltung ihrer Formen nicht verbunden werden können. Jesus mußte nicht bloß das Komplement der Pflichten, sondern auch das Objekt dieser Prinzipien, das Wesen der Sphäre der Pflichten aufzeigen, um das der Liebe entgegengesetzte Gebiet zu zerstören.

Lukas (12, 13) bringt die Ansicht, nach welcher Jesus sich gegen die Reichtümer erklärt, in einer Verbindung vor, wodurch sie noch deutlicher wird. Ein Mann hatte ihn darum angesprochen, sich bei seinem Bruder über die Teilung ihrer Erbschaft zu verwenden; eine Bitte um eine solche Verwendung abzuschlagen wird nur die Verfahrungsart eines Egoisten zu sein geurteilt. Jesus scheint in seiner Antwort gegen den, der die Bitte an ihn getan hatte, unmittelbar nur seine Inkompetenz dazu entgegenzuhalten. Aber in seinem Geiste liegt mehr, als daß er nur kein Recht zu jener Teilung habe, denn er wendet sich sogleich zu seinen Jüngern mit einer Ermahnung gegen die Begierde, zu haben, und fügt eine Parabel bei von einem reichen Mann, den Gott mit der

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