Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 356]

|356| fremde Hände gelegt; was sie zusammenhielt, waren Ketten, Gesetze vom Mächtigeren gegeben; das Bewußtsein des Ungehorsams gegen den Herrn fand in der ausgestandenen Strafe oder Schuldbezahlung unmittelbar seine Befriedigung – böses Gewissen kannten sie nur als Furcht vor Strafe; denn als Bewußtsein seiner gegen sich selbst setzt es immer ein Ideal gegen die ihm nicht angemessene Wirklichkeit voraus; und das Ideal ist im Menschen, ein Bewußtsein seiner eigenen ganzen Natur; aber ihrer Dürftigkeit blieb in der Anschauung ihrer nichts übrig; allen Adel, alle Schönheit hatten sie verschenkt; ihre Armut mußte dem unendlich Reichen dienen, und [durch das,] was sie ihm für sich entwendeten, [wodurch sie] ein Gefühl der Selbstheit sich erstahlen, hatten sie, Menschen von bösem Gewissen, [zwar] ihre Wirklichkeit nicht wieder ärmer, sondern reicher gemacht, aber hatten dann den bestohlenen Herrn zu fürchten, der sie ihren Raub wieder bezahlen, opfern lassen und sie ins Gefühl ihrer Armut zurückschleudern würde. Nur durch Bezahlung an ihren allmächtigen Gläubiger wurden sie ihrer Schulden los, und wenn sie bezahlt hatten, besaßen sie doch wieder nichts.35) – Eine schuldbewußte bessere Seele will mit dem Opfer nichts erkaufen, nicht den Raub zurückgeben, sondern in der freiwilligen Entbehrung, mit einer herzlichen Gabe, nicht im Gefühle der Pflicht und des Dienstes, sondern in brünstigem Gebete sich einem Reinen mit der Seele nahen, um, was sie in sich selbst nicht zum Bewußtsein bringen kann, in der Anschauung der ersehnten Schönheit ihr Leben zu stärken und freie Lust und Freude zu gewinnen; aber der Jude hatte in der Bezahlung seiner Schuld nur den

35) Im Manuskript gestrichen: Wenn sie nur gegen den Herrn schuldig werden und nur ihm abbüßen konnten, so mußte es ihnen unbegreiflich sein, wie ein Mensch Vergebung der Sünden ankündigen, wie er die Gewißheit derselben in der Liebe finden, wie ein Geist zwischen Menschen wohnen könnte, der über Gesetze und Herrschaft erhaben wäre, wie es ein lebendiges Band gäbe, vor welchem alle Ketten schmelzen und in dem die höchste Freiheit ist; wie im gegenseitigen Glauben jede Beherrschung verschwände, ein Herr und ein Gesetz erst mit dem Verbrechen sich zeigte.

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