Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

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|325| hatte Kant21) sehr Unrecht, diese zum Lebendigen nicht gehörige Art des Ausdrucks: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten als dich selbst, als ein Gebot anzusehen, welches Achtung für ein Gesetz fordert, das Liebe befiehlt. Und auf dieser Verwechslung des Pflichtgebots, das in der Entgegensetzung des Begriffs und des Wirklichen besteht, und der ganz außerwesentlichen Art, das Lebendige auszusprechen, beruht seine tiefsinnige Zurückführung dessen, was er ein Gebot nennt: Liebe Gott über alles und den Nächsten als dich selbst, auf sein Pflichtgebot. Und seine Bemerkung, daß Liebe – oder in der Bedeutung, die er dieser Liebe geben zu müssen meint: alle Pflichten gerne ausüben – nicht geboten werden könne, fällt von selbst hinweg, weil in der Liebe aller Gedanke von Pflichten wegfällt; und auch die Ehre, die er jenem Ausspruch Jesu dagegen wieder angedeihen läßt, ihn als das von keinem Geschöpf erreichbare Ideal der Heiligkeit anzusehen, ist ebenso überflüssig verschwendet; denn ein solches Ideal, in dem die Pflichten als gerne getan vorgestellt würden, ist in sich selbst widersprechend, weil Pflichten eine Entgegensetzung und das Gernetun keine Entgegensetzung forderten; und er kann diesen Widerspruch ohne Vereinigung in seinem Ideal ertragen, indem er jedoch die vernünftigen Geschöpfe (eine sonderbare Zusammenstellung) [für fähig] zu fallen, jenes Ideal zu erreichen für unfähig erklärt.

21) Werkausgabe: vgl. Kant, Kritik der praktischen Vernunft, 1. T., 1. B., III. Hauptstück

Jesus fängt die Bergpredigt mit einer Art von Paradoxen an, in denen seine volle Seele gegen die Menge erwartender Zuhörer sogleich unzweideutig erklärt, daß sie von ihm ganz etwas Fremdes, einen anderen Genius, eine andere Welt zu erwarten haben. Es sind Schreie, in denen er sich begeistert sogleich von der gemeinen Schätzung der Tugend entfernt, begeistert ein anderes Recht und Licht, eine andere Region des Lebens ankündigt, deren Beziehung auf die Welt nur die

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