Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

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|362| sondern erscheint auch im buntesten Gemische von Beziehungen unzerrissen und einfach; ihre äußere Gestalt kann sich auf die unendlichste Art modifizieren, sie wird nie zweimal dieselbe haben, und ihre Äußerung wird nie eine Regel geben können, denn sie hat nie die Form eines Allgemeinen gegen Besonderes. Wie die Tugend das Komplement des Gehorsams gegen die Gesetze ist, so ist die Liebe das Komplement der Tugenden; alle Einseitigkeiten, alle Ausschließungen, alle Schranken der Tugenden sind durch sie aufgehoben, es gibt keine tugendhaften Sünden oder sündigen Tugenden mehr, denn sie ist die lebendige Beziehung der Wesen selbst; in ihr sind alle Trennungen, alle beschränkten Verhältnisse verschwunden, so hören auch die Beschränkungen der Tugenden auf; wo bliebe für Tugenden Raum, wenn kein Recht mehr aufzugeben ist? Liebe, fordert Jesus, soll die Seele seiner Freunde sein: Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebt; daran wird man erkennen, daß ihr meine Freunde seid.

Die Menschenliebe, die sich auf alle erstrecken soll, von denen man auch nichts weiß, die man nicht kennt, mit denen man in keiner Beziehung steht, diese allgemeine Menschenliebe ist eine schale, aber charakteristische Erfindung der Zeiten, welche nicht umhin können, idealische Forderungen, Tugenden gegen ein Gedankending aufzustellen, um in solchen gedachten Objekten recht prächtig zu erscheinen, da ihre Wirklichkeit so arm ist. – Die Liebe zu dem Nächsten ist Liebe zu den Menschen, mit denen man, so wie jeder mit ihnen, in Beziehung kommt. Ein Gedachtes kann kein Geliebtes sein. Freilich kann Liebe nicht geboten werden, freilich ist sie pathologisch, eine Neigung, – aber damit ist ihr von ihrer Größe nichts benommen, sie ist damit gar nicht herabgesetzt37), daß ihr Wesen keine Herrschaft über ein ihr

37) Im Manuskript gestrichen: Geboten kann freilich nur das werden, was innerhalb des Willens liegt, und von einem, von dem dieser Wille abhängen kann; freilich kann nur die Vernunft gebieten, kann nur das Pflichtmäßige geboten werden, weil Vernunft und Pflicht Entgegensetzung und Freiheit voraussetzt; nur dem freien Willen kann geboten werden; das Soll drückt die Entgegensetzung des Gedankens gegen die Wirklichkeit aus, und so kann Liebe gewiß nicht in diesem Sinne geboten werden.

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