Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 295]

|295| Nach dem Verschwinden des ephemerischen, aber sehr drückenden Glanzes der salomonischen Regierung zerrissen die neuen Mächte, die die Einführung des Königtums noch in die Geißel ihres Schicksals eingeflochten hatten – unbändige Herrsucht und ohnmächtige Herrschaft-, das jüdische Volk vollends und kehrten gegen seine eigenen Eingeweide eben die rasende Lieb- und Gottlosigkeit, die es vorher gegen andere Nationen gewendet hatte; sie leiteten sein Schicksal durch seine eigenen Hände auf es selbst. Fremde Nationen lernte es wenigstens fürchten, es wurde aus einem in der Idee herrschenden ein in der Wirklichkeit beherrschtes Volk und erhielt das Gefühl seiner äußeren Abhängigkeit. Eine Zeitlang erhielt es sich durch Demütigungen noch eine traurige Art von Staat, bis es am Ende – wie der Politik der listigen Schwäche nie der Unglückstag ausbleibt – vollends zu Boden getreten wurde, ohne die Kraft des Wiederaufstehens zu behalten. Den alten Genius hatten von Zeit zu Zeit Begeisterte festzuhalten, den ersterbenden wiederzubeleben gesucht; doch den entflohenen Genius einer Nation kann die Begeisterung nicht zurückbeschwören, das Schicksal eines Volkes nicht unter ihren Zauber bannen, wohl [aber] einen neuen Geist aus der Tiefe des Lebens hervorrufen, wenn sie rein und lebendig ist. Aber die jüdischen Propheten zündeten ihre Flamme an der Fackel eines erschlafften Dämons an, sie suchten ihm seine alte Kraft und mit der Zerstörung des mannigfaltigen Interesses der Zeit ihm seine alte schauernd erhabene Einheit wiederherzustellen; sie konnten also nur kalte und bei ihrer Einmischung in Politik und Zwecke nur eingeschränkte und wirkungslose Fanatiker werden, nur eine Erinnerung vergangener Zeiten geben, die gegenwärtigen dadurch noch mehr verwirren, aber nicht andere Zeiten herbeiführen. Die Beimischung der Leidenschaften vermochte nie wieder in einförmige Passivität überzugehen, aber aus passiven Gemütern mußten sie um so gräßlicher wüten. Dieser schauderhaften Wirklichkeit zu entfliehen, suchten die Menschen in Ideen Trost; der gemeine

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