Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 369]

|369| dem Sehen und Schmecken das Brot und der Wein; es gibt keine Vereinigung für sie. Der Verstand widerspricht der Empfindung, die Empfindung dem Verstande; für die Einbildungskraft, in welcher beide sind und aufgehoben sind, ist nichts zu tun; sie hat hier kein Bild zu geben, worin sich Anschauung und Gefühl vereinigte. In einem Apoll, einer Venus muß man wohl den Marmor, den zerbrechlichen Stein vergessen und sieht in ihrer Gestalt nur die Unsterblichen, und in ihrem Anschauen ist man zugleich von dem Gefühl ewiger Jugendkraft und der Liebe durchdrungen. Aber reibt die Venus, den Apoll zu Staub und sprecht: dies ist Apoll, dies Venus, so ist wohl der Staub vor mir und die Bilder der Götter in mir, aber der Staub und das Göttliche treten nimmer in eins zusammen. Das Verdienst des Staubes bestand in seiner Form, diese ist verschwunden, er ist jetzt die Hauptsache; das Verdienst des Brotes bestand in seinem mystischen Sinn, aber zugleich in seiner Eigenschaft, daß es Brot, eßbar ist, auch in der Verehrung soll es als Brot vorhanden sein. Vor dem zu Staub geriebenen Apoll bleibt die Andacht, aber sie kann sich nicht an den Staub wenden; der Staub kann an die Andacht erinnern, aber [sie] nicht auf sich ziehen; es entsteht ein Bedauern, dies ist die Empfindung dieser Scheidung, dieses Widerspruchs, wie die Traurigkeit bei der Unvereinbarkeit des Leichnams und der Vorstellung der lebendigen Kräfte. Nach dem Nachtmahl der Jünger entstand ein Kummer wegen des bevorstehenden Verlustes ihres Meisters, aber nach einer echt religiösen Handlung ist die ganze Seele befriedigt; und nach dem Genuß des Abendmahls unter den jetzigen Christen entsteht ein andächtiges Staunen ohne Heiterkeit, oder mit einer wehmütigen Heiterkeit, denn die geteilte Spannung der Empfindung und der Verstand waren einseitig, die Andacht unvollständig, es war etwas Göttliches versprochen, und es ist im Munde zerronnen.

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