Der Geist des Christentums und sein Schicksal (1798–1800)

[S. 330]

|330| das Sein selbst dargestellt an einem Seienden, in ihm vergegenwärtigt, und weil die Wahrheit des Falles, der beschworen wird, nicht selbst sichtbar gemacht werden kann, wird an ihrer Stelle die Wahrheit selbst, Gott gesetzt und teils auf diese Art dem anderen gegeben, in ihm Überzeugung bewirkt, teils durch die Rückwirkung dieses Seienden auf das sich entschließende Gemüt des Schwörenden das Gegenteil der Wahrheit ausgeschlossen; und es ist gar nicht abzusehen, inwiefern hierin ein Aberglauben liegen soll. Wenn die Juden bei dem Himmel, bei der Erde, bei Jerusalem oder bei ihrem Haupthaar schwuren und ihren Eid Gott anheimstellten, ihn in die Hand des Herrn legten, so knüpften sie die Wirklichkeit des Versicherten an ein Objekt, setzten beide Wirklichkeiten gleich, und den Zusammenhang dieses Objektes und des Versicherten, die Gleichheit beider legten sie in die Gewalt einer fremden Macht, und Gott ist zur Macht über das Wort gesetzt, und dieser Zusammenhang soll im Menschen selbst begründet sein; die versicherte Tat und das Objekt, bei dem versichert wird, werden so aneinandergekettet, daß, wenn eins aufgehoben wird, auch das andere geleugnet, in der Vorstellung aufgehoben wird; wenn also die versprochene Tat oder die versicherte Wirklichkeit nicht wirklich ist, so ist damit auch das Objekt, bei dem geschworen wurde, der Himmel, die Erde usw. geleugnet; und in diesem Fall muß der Herr desselben es vindizieren, Gott Rächer des Seinigen werden. – Dieser Anknüpfung da versicherten Tat an etwas Objektives widerspricht Jesus, er bekräftigt nicht die Pflicht, den Eid zu halten, sondern erklärt ihn überhaupt für überflüssig; denn weder der Himmel, noch die Erde, noch Jerusalem, noch das Haupthaar ist des Menschen Geist, der allein der Verknüpfer seines Wortes und einer Handlung ist, sondern es sei fremdes Eigentum und die Gewißheit der Tat dürfe nicht an etwas Fremdes geknüpft sein, in ein Fremdes gelegt werden, sondern des Zusammenhang des Wortes und der Handlung müsse lebendig sein, in dem Menschen selbst beruhen.

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