Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 195]

|195| Glauben begriffene Mensch macht hier seinen ganzen Zustand getreu zum Objekt seiner Reflexion, nur daß, wie er sonst von den ihm in der positiven Religion gegebenen Vorstellungen bestimmt wird, er hier diese Bestimmung nicht durch das Medium der Vorstellung gegangen sich denkt, sondern daß sie auf seine Tätigkeit, sein Wesen selbst gehen werde. Was die Forderungen der praktischen Vernunft betrifft, die die positive Religion zu befriedigen verspricht, so sind sie von zweierlei Art; einige wünscht sie [sc. die Vernunft] nämlich realisiert zu sehen, vor der Realisierung anderer aber wäre es ihr bang – wegen beidem verspricht die positive Religion sie zu beruhigen. Schon der Ausdruck „die Vernunft wünscht“ oder „es ist ihr bang“ deutet darauf, daß die Sinnlichkeit hier ins Spiel kommt, daß es vielleicht eigentlich diese wäre, die es der Vernunft unter den Fuß [legt], jene Forderungen zu machen, und daß eigentlich sie es ist, die befriedigt sein will. – Wie kommt in dem besonders in neueren Zeiten berühmt gewordenen und bei allen Völkern vorkommenden Postulate der Harmonie der Glückseligkeit mit der Sittlichkeit die Vernunft zu einer Forderung an etwas, das sie in dieser Rücksicht als von sich unabhängig, unbestimmbar anerkennt? Die Vernunft, die in irgendeinem Subjekt zu einem Grade von Herrschaft, von Macht gediehen ist, gibt dem Bewußtsein dieses Gefühl von Sollen, von Herrschen; wendet sie sich damit an den Willen, der ein bestimmtes Objekt des Triebes hat, so ist dieser nach der von der Vernunft gegebenen Form tätig, bietet die physischen Kräfte auf; siegen diese oder unterliegen sie im Kampfe mit fremden widerstrebenden Kräften und ist der Wille [dabei] festgeblieben, so ist der Vernunft in jedem Falle Genüge geschehen, und wenn jemand den Tod der Ehre oder für Vaterland oder Tugend gestorben ist, so hat man nur in unseren Zeiten sagen können, der Mann wäre eines besseren Schicksals würdig gewesen. Wo die Vernunft einen Willen findet, der mehr von den sinnlichen Neigungen beherrscht wird, und wo sie selten Gelegenheit findet, sich an ihn zu wenden, in solchen Subjekten vernimmt die Sinnlichkeit ihre Stimme, ihr Soll; und erklärt dies nach ihren eigenen Bedürfnissen und deutet dieses Soll der Vernunft als ein Verlangen nach Glückseligkeit, welches Verlangen darin von der sinnlichen Forderung der Glückseligkeit aber verschieden ist, daß es auf eine Stimme der Vernunft sich gründet, daß es eine Macht dieser voraussetzt, ein Soll aussprechen zu können, – und diese durch Vernunft gleichsam legitimierte Forderung heißt dann Würdigkeit zur Glückseligkeit,

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126