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|218| der menschlichen Natur in die Einheit einiger allgemeiner Begriffe zusammengefaßt zu haben.
Diese einfachen Begriffe werden ihrer Allgemeinheit wegen zugleich zu notwendigen Begriffen und zu Charakteren der Menschheit; alle übrige Mannigfaltigkeit von Sitten, Gewohnheiten und Meinungen der Völker oder Einzelner wird dadurch, daß jene Charaktere fixiert sind, zu Zufälligkeiten, Vorurteilen und Irrtümern und damit die Religion, die zu dieser Mannigfaltigkeit paßte, eine positive Religion, weil die Beziehung derselben auf Zufälligkeiten selbst eine Zufälligkeit, aber als ein Teil der Religion zugleich heiliges Gebot ist.
Man hat es der christlichen Religion bald zum Vorwurf, bald zum Lobe gemacht, daß sie sich den verschiedensten Sitten und Charakteren und Verfassungen anpaßte. Die Verdorbenheit des römischen Staats war ihre Wiege; die christliche Religion wird herrschend, als dies Reich in seinem Sinken begriffen war, und man sieht nicht, daß sein Sturz durch dieselbe aufgehalten worden wäre; sie gewinnt im Gegenteil dadurch an Ausdehnung ihres Gebiets und erscheint zu gleicher Zeit als Religion der überverfeinerten, in den niederträchtigsten Lastern schwimmenden sklavischen Römer und Griechen und – der unwissendsten, wildesten, aber freiesten Barbaren. Sie war die Religion der italienischen Staaten in den schönsten Zeiten ihrer mutwilligen Freiheit im Mittelalter und der ernsteren freien Schweizerrepubliken, der in mannigfaltigen Stufen gemäßigten Monarchien des neueren Europas, sowie die Religion der niedergedrücktesten Leibeigenen und ihrer Herren; beide besuchen eine Kirche. Unter Vorangehung des Kreuzes haben die Spanier ganze Generationen in Amerika gemordet, die Engländer zur Verheerung Indiens christliche Danklieder gesungen. Aus ihrem Schoße sproßten die höchsten Blüten der bildenden Künste hervor, stiegen die hohen Gebäude von Wissenschaften empor, und ihr zu Ehren ist auch alle schöne Kunst verbannt, die Ausbildung der Wissenschaften zur Gottlosigkeit gerechnet worden. Unter allen Klimaten ist der Baum des Kreuzes gediehen, hat Wurzeln geschlagen und Früchte gebracht. Alle Freuden des Lebens haben Völker an sie geknüpft, und der unglücklichste Trübsinn hat in ihr seine Nahrung und Rechtfertigung gefunden.
Unendliche Modifikationen läßt der allgemeine Begriff der menschlichen Natur zu, und es ist nicht ein Notbehelf, sich auf die Erfahrung zu berufen, daß Modifikationen notwendig sind, daß die menschliche Natur niemals rein vorhanden war, sondern es läßt sich streng erweisen; es ist hinreichend, nur zu fixieren, was denn die reine menschliche Natur wäre. Dieser Ausdruck soll nichts in sich fassen als die Angemessenheit an den allgemeinen Begriff.
