Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

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Aber so, indem alle seine Zwecke, alle Tätigkeit aufs einzelne gingen, indem der Mensch für dieselben keine allgemeine Idee mehr fand, für die er leben und sterben mochte, fand er auch keine Zuflucht bei seinen Göttern, denn auch sie waren einzelne, unvollendete Wesen, die einer Idee nicht Genüge leisten konnten.18) Griechen und Römer waren mit so dürftig ausgerüsteten, mit Schwachheiten der Menschen begabten Göttern zufrieden, denn das Ewige, das Selbständige hatten jene Menschen in ihrem eigenen Busen. Sie konnten die Verspottung derselben auf der Bühne leiden, denn es war nicht das Heilige, das man in ihnen verspotten konnte; ein Sklave bei Plautus durfte sagen: si summus Jupiter hoc facit, ego homuncio idem non facerem19), eine Folgerung, die seine Zuhörer seltsam und lächerlich finden mußten, da ihnen das Prinzip, was der Mensch zu tun habe, in den Göttern zu finden, ganz unbekannt war, die ein Christ hingegen richtig finden müßte. In diesem Zustande, ohne Glauben an etwas Haltbares, an etwas Absolutes, in dieser Gewohnheit, einem fremden Willen, einer fremden Gesetzgebung zu gehorchen, ohne Vaterland, in einem Staate, an dem keine Freude haften konnte, dessen Druck der Bürger allein fühlte, bei einem Götterdienste, zu dessen

18) Fußnote Hegels. [Auf einem besonderen Blatt aus dem Jahr 1795 mit Notizen bei der Lektüre von Forsters Ansichten vom Niederrhein (s. Nohl S. 366; Schüler Nr. 51):]
In einer Republik ist es eine Idee, für die man lebt, in Monarchien [lebt man] immer fürs Einzelne; in diesen können die Menschen doch nicht ohne eine Idee sein, sie machen [deshalb] auch eine einzelne Idee, ein Ideal – dort eine Idee, wie es sein soll; hier ein Ideal, das ist, das sie selten selbst geschaffen haben, die Gottheit. Der große Geist in der Republik wendet alle seine Kräfte, physische und moralische, an seine Idee, sein ganzer Wirkungskreis hat Einheit, – der fromme Christ, der sich dem Dienst seines Ideals ganz weiht, ist ein mystischer Schwärmer; füllt ihn sein Ideal ganz aus, kann er sich nicht teilen zwischen dieses und seinen weltlichen Wirkungskreis und treibt alle seine Kräfte nach jener Seite, so wird eine Guyon [Jeanne Marie Bouvier de la Motte-Guyon, 1648-1717, Urheberin des sog. Quietismus] – die Forderungen, das Ideal anzuschauen, wird die überspannte Einbildungskraft befriedigen, und auch die Sinnlichkeit behauptet ihre Rechte; Beispiele die unzähligen Mönche und Nonnen, die mit Jesu liebelten und ihn zu umarmen glaubten. Die Idee des Republikaners ist von der Art, daß alle seine edelsten Kräfte ihre Befriedigung in wahrer Arbeit finden, da die des Schwärmers nur die Täuschung der Einbildungskraft [ist].

19) Werkausgabe: „Wenn der große Jupiter solches tat, warum sollte ich kleiner Mensch nicht desgleichen tun?“ Vgl. Terenz, Der Eunuch, v. 590 f.

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