Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 176]

|176| und Wahrheit überhaupt zum Zweck ihrer Anstalten machte, und es sei gegen die Natur dieser beiden, sie an bestimmte Symbole binden zu wollen; in die Seelen derjenigen, die dies unternommen haben und die dies noch behaupten, sei nie kein Strahl von dem, was Wahrheit heißt, gefallen; würde eine Kirche und die Vorsteher derselben und des Staats Tugend und Wahrheit zum Ziele ihres Strebens machen, so würde es nie der Fall sein, daß sie einen rechtschaffenen, tätigen, fürs Gute und die Moralität seiner Gemeinde eifrigen Mann, der aber sich nicht genau an den kirchlichen Lehrbegriff seiner Gemeinde bände, deswegen schikanierten, sie würden es für eine Schande halten, mit einem solchen sich nicht vertragen zu können; alles was sie tun würden, könnte das sein, daß sie ihm hierin Nachahmung ihrer, nämlich Klugheit, d. h. Schonung der Meinungen anderer empfählen, und wenn er solcher Vorsteher der Kirche und des Staats würdig oder sie seiner würdig wären, so würde es auch kaum dieses Rats bedürfen.

Das wirksamste und daher auch häufig angewandte Mittel, den Glauben der Kirche zu schützen, ist, die Möglichkeit zu entfernen, daß ihre Mitglieder auf Zweifel, auf andere Glaubensmeinungen gerieten. Daß von innen, d. h. in ihnen selbst solche Zweifel, die aus eigener Tätigkeit des Verstands und der Vernunft entsprängen, verhindert werden, [dafür] ist auf mancherlei Arten hinlänglich gesorgt: dadurch daß die jugendliche Seele die ersten Eindrücke, die das ganze Leben hindurch immer eine gewisse Gewalt über den Menschen behalten, von der Kirche bekommt, daß die Lehren der Kirche mit allen Schrecken der Einbildungskraft gewappnet werden, daß sie, wie gewisse Zauberer den Gebrauch der körperlichen Kräfte zu hemmen vermögen sollen, alle Kräfte der Seele zu lähmen oder nur nach ihren Bildern hin zu zwingen vermögen; ferner durch die wenige freie Kultur dieser Kräfte selbst, durch die völlige Absonderung der Kenntnis der kirchlichen Lehren, die, in furchtbarer Majestät isoliert, die Verwandtschaft, die Vermischung mit

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