Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

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Man würde das Bisherige schlecht verstanden haben, wenn man darin eine Rechtfertigung aller Anmaßungen festgesetzter Religionen, alles Aberglaubens, alles kirchlichen Despotismus, aller durch falsche religiöse Anstalten erzeugten oder genährten Stumpfheit sehen wollte. Nein! der schwachsinnigste, härteste Aberglauben ist für ein seelenloses, menschliche Gestalt habendes Wesen nichts Positives, aber sowie Seele in ihm erwacht, und die Anforderung des Aberglaubens bliebe, so würde er positiv für den, der sonst ganz unbefangen unter ihm stand; für den Beurteiler aber ist er notwendig ein Positives, eben weil diesem als Beurteiler ein Ideal von Menschheit vorschweben muß. Ein Ideal der menschlichen Natur ist aber ganz etwas anderes als allgemeine Begriffe über die menschliche Bestimmung und über das Verhältnis des Menschen zu Gott. Das Ideal läßt sehr wohl Besonderheit, Bestimmtheit zu und fordert sogar eigentümliche religiöse Handlungen, Gefühle, Gebräuche, einen Überfluß, eine Menge von Überflüssigem, was vor dem Laternenlicht der allgemeinen Begriffe nur als Eis und Stein erscheint. Nur wenn das Überflüssige die Freiheit aufhebt, wird es positiv, d. h. wenn es Prätention gegen den Verstand und die Vernunft macht und deren notwendigen Gesetzen widerspricht. Die Allgemeinheit dieses Kriteriums muß dadurch beschränkt werden, daß Verstand und Vernunft nur dann Richter sein können, wenn an sie appelliert wird; was keinen Anspruch darauf macht, verständig oder vernünftig zu sein, gehört durchaus nicht in ihre Gerichtsbarkeit. Und hierin liegt ein Hauptpunkt, dessen Vernachlässigung so entgegengesetzte Urteile hervorbringt. Der Verstand und die Vernunft können alles vor ihren Richterstuhl fordern und machen leicht die Anmaßung, daß alles verständig, alles vernünftig sein solle, und somit entdecken sie freilich des Positiven genug, und das Schreien über Geistessklaverei, Gewissensdruck, Aberglauben hat gar kein Ende. Die unbefangensten Handlungen, die unschuldigsten Gefühle, die schönsten Darstellungen der Phantasie erfahren diese rauhe Behandlung. Die Wirkung ist aber auch diesem unpassenden Tun angemessen. Die verständigen Menschen glauben Wahrheit zu sprechen, wenn sie verständig zum Gefühl, zur Einbildungskraft, zu religiösen Bedürfnissen sprechen, und können nicht begreifen, wie ihrer Wahrheit widerstanden wird, warum sie tauben Ohren predigen; der Fehler ist, sie bieten Steine dem Kinde dar, das Brot fordert; wenn ein Haus gebaut werden soll, dann hat ihre Ware Brauchbarkeit. Aber ebenso, wenn das Brot auf Tauglichkeit zum Häuserbauen Anspruch machte, so würden sie mit Recht widersprechen.

In einer Religion können Handlungen, Personen, Erinnerungen

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