Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 201]

|201| eine solche Phantasie einheimisch bei einem Volke. Das, was in unseren heiligen Büchern eigentliche Geschichte ist, wie der größte Teil des Alten Testaments, und nicht eigentlich wie das Neue Testament die Glaubenspflicht auf sich hat, also eigentlich zum Gegenstand der Volksphantasie werden kann, ist unseren Sitten, unserer Verfassung, der Kultur unserer körperlichen und Seelenkräfte so fremd, daß es fast keinen Punkt gibt, wo wir damit zusammentreffen, als hier und da die allgemein menschliche Natur, – und [ist] für jeden, der anfängt aufgeklärt zu werden, d. h. für die Gesetze seines Verstandes und seiner Erfahrung Allgemeinheit zu fordern – und die Anzahl dieser Klasse der Menschen steigt immer -, größtenteils ungenießbar und für nur zwei Klassen von Lesern zu gebrauchen, für die eine, die mit heiliger Einfalt in dem Sinn alles für wahr nimmt, daß sie überzeugt ist, es wäre auch für die allgemeine Erfahrung zugänglich gewesen, und für die andere Klasse, der diese Frage über Wahrheit und Unwahrheit für den Verstand dabei gar nicht einfällt, sondern die bloß an subjektive, an Wahrheit für die Phantasie dabei denkt, so wie wir sie an der Hand Herders lesen.16)

16) Fußnote Hegels. Jene verschiedene Art, die alten Sagen mit dem Verstand oder der Phantasie zu lesen, läßt sich in dem Beispiele der Geschichte Mosis sehen, wenn von ihm erzählt wird, er habe auf Sinai Gott gesehen; ein gewöhnlicher christlicher Leser nimmt dies als eine sinnliche Wahrnehmung an, die nach den Gesetzen aller unserer sinnlichen Wahrnehmungen erfolgt ist; die aufgeklärte verständige Recha[in Lessings Nathan III, 2] sagt: wo er stand, stand er vor Gott, [sie] gibt das objektive Dasein Gottes zu, aber leugnet die Möglichkeit, daß er von menschlichen Sinnen wahrgenommen werden könnte, und behauptet, Gott sei ihm [sc. dem Menschen] überall gegenwärtig, wenn er auch nicht daran denke, – und leugnet in diesem Fall besonders die sinnliche Gegenwart Gottes. – Noch kann in einem anderen Sinne behauptet werden, an jenem Ort und in jenem Augenblicke, als Moses die Gegenwart Gottes empfunden zu haben glaubte, sei ihm die Gottheit ebenso wahr gegenwärtig gewesen, als je eine Empfindung für uns Wahrheit hat, aber ohne über das Objekt absprechen zu wollen, über welches in diesem Urteil keine Frage sein kann; man behauptet nur zugleich, daß an dem Ort und in dem Augenblicke, wo der Mensch nicht an Gott denkt, Gott nicht gegenwärtig sei.
Das erste Urteil behauptet die sinnliche Wahrnehmung Gottes als eines Objekts, das zweite leugnet die sinnliche Wahrnehmung, behauptet aber das Dagewesensein Gottes, das dritte behauptet die Wahrnehmung Gottes, aber nicht als eines Objekts. Das erste behauptet, in Moses seien Sinne und Verstand, das zweite – nur Phantasie, das dritte – Phantasie und Vernunft tätig gewesen. Zu dem, der das zweite Urteil fällt, spricht nur das Objekt, und dies beurteilt er als Objekt, nach den Gesetzen seines Verstandes und seiner Erfahrung; zu dem Geiste dessen, der das dritte Urteil fällt, spricht unmittelbar der Geist Mosis selbst – den er versteht, der ihm geoffenbart ist – unbekümmert um das Objekt.
Das erste behauptet subjektive und objektive Wahrheit, das zweite objektive Wahrheit, aber subjektiven Irrtum, das dritte subjektive Wahrheit und – wenn es erlaubt wäre, so zu sprechen – objektiven Irrtum.

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