Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 122]

|122| Munde eines Tugendlehrers ist, der mit der Stimme der zärtlichsten Freundschaft, mit dem begeisternden Gefühle des Werts der Religion und Sittlichkeit in dem wichtigsten Momente seines Lebens die wenigen ihm übrigen Augenblicke noch dazu anwendet, seinen Freunden Liebe und Duldsamkeit zu empfehlen, ihnen Gleichgültigkeit gegen die Gefahren, in welche sie Tugend und Wahrheit bringen könnte, einzuprägen, sosehr charakterisiert der Befehl nach seiner Auferstehung den Lehrer einer positiven Religion, besonders wie dieser Befehl bei Markus (16, 15-18) ausgedrückt ist. Statt: gehet hin usw. hätte ein Tugendlehrer vielleicht gesagt: ein jeder in dem Kreise der Tätigkeit, den ihm Natur und Vorsehung angewiesen, wirke soviel Gutes als möglich; in jenem Abschied legt der Tugendlehrer allen Wert auf das Tun, hier auf Glauben; hier setzt er auch ein äußeres Zeichen, das Taufen, als Unterscheidungszeichen und macht diese zwei positiven Sachen, Glauben und Getauftwerden, zur Bedingung der Seligkeit, und auf den Unglauben setzt er Verdammnis. Man mag den Glauben noch sosehr hinaufsteigern zu einem lebendigen, in Werken der Barmherzigkeit und Menschenliebe tätigen Glauben und den Unglauben sosehr herabsetzen zu einer gegen sein besseres Wissen und Gewissen hartnäckigen Weigerung, die Wahrheit des Evangeliums anzuerkennen, und zugeben, daß nur ein solcher Glaube und Unglaube gemeint sei, wenn es auch schon nicht gerade in den dürren Worten liegt, so bleibt ihm doch noch etwas Positives wesentlich ankleben, und dieses Positive ist an Würde der Moralität wenigstens gleich als unzertrennlich von ihr gesetzt, es ist Seligkeit und Verdammnis daran gebunden. Daß aber dies Positive vorzüglich auch in diesem Befehl gemeint sei, erhellt auch aus dem Folgenden, wo die Gaben, die Eigenschaften, die den Gläubigen werden zuteil werden, angegeben [werden]: in seinem Namen Teufel auszutreiben, mit neuen Zungen zu reden, Schlangen ohne Gefahr aufzuheben, ohne Gefahr giftige Getränke zu verschlucken, Kranke durch Auflegung der

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