Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 192]

|192| sei nun unter dem Namen von Natur, Fatum oder Vorsehung -, aber auch eine solche Übermacht über seinen Geist, über den ganzen Umfang seines Seins anerkennt, der kann sich einem positiven Glauben nicht entziehen. Die Fähigkeit zu einem solchen setzt notwendig Verlust der Freiheit der Vernunft, der Selbständigkeit derselben voraus, die einer fremden Macht nichts entgegenzusetzen vermag. Hier ist der erste Punkt, von welchem aller Glaube oder Unglaube an eine positive Religion ausgeht, und zugleich der Mittelpunkt, um den sich alle Streitigkeiten deswegen drehen, und wenn er auch nicht zum deutlichen Bewußtsein kommt, so macht er doch den Grund aller Unterwürfigkeit oder Widerspenstigkeit aus. Hier müssen die Orthodoxen festhalten, hier nichts vergeben; – wenn sie auch einräumen, daß Moralität wirklich absoluter und höchster Zweck der Menschheit ist, wenn sie auch einräumen, daß die Vernunft imstande ist – weil sie es nicht leugnen können, was vor ihren Augen geschieht -, ein reines System der Moral zu erbauen, so müssen sie doch behaupten, daß sie doch für sich unvermögend ist, sich das Primat über die Neigungen zu verschaffen, ihre Forderungen zu realisieren, und sie müssen diese Forderungen, den Endzweck der Menschheit notwendig so bestimmen, daß wo nicht in Setzung desselben, doch in der Ausführbarkeit der Mensch von einem Wesen außer ihm abhängig sei. Dieses Unvermögen der Vernunft und die Abhängigkeit unseres ganzen Seins einmal vorausgesetzt, welches die notwendige Bedingung alles Folgenden ist, so ist der Beweis, daß eine gewisse, z. B. die christliche Religion eine solche positive von Gott gegebene Religion sei, ganz historisch zu führen, und dies ist nun um so leichter, weil wir mit Anerkennung unserer Dienstbarkeit eben dadurch den Maßstab einer anderen Prüfung aus der Hand gelegt, uns des Rechts, nach inneren Gründen, nach der Vernunftmäßigkeit derselben zu fragen, die Angemessenheit der erzählten Begebenheiten zu den Erfahrungsgesetzen zu untersuchen, gänzlich begeben haben. – Die Frage nach Vernunftmäßigkeit oder Vernunftwidrigkeit ist hier eine ganz müßige Frage, die etwa aus Langeweile kann angestellt werden, aber die schlechterdings nicht als zur Entscheidung meines Glaubens beitragend angesehen werden darf – vor dem höheren Gerichtshof, der einmal anerkannt ist, müssen alle niedrigeren schweigen. Was deswegen für wahr gehalten wird, weil es vernunftmäßig ist, liegt nimmer in dem Umfange meines positiven Glaubens, ob es zwar geschehen kann, daß, was ich anfangs bloß deswegen glaubte, weil der Glaube daran mir geboten war, ich nachher glaube, weil ich es nun meiner Vernunft angemessen finde, weil ich mich aus Gründen davon überzeugt habe; daß der ganze Inhalt einer

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