Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 228]

|228| haben. Durch einfaches Reden, durch Predigen im Herumziehen an eine große Menge gedenkt er seinem verstockten Volk das Herz umzukehren; er hält die zwölf Freunde, die noch nicht lange mit ihm bekannt sind, für fähig, diese Wirkung hervorzubringen; er hält seine Nation für reif, durch so ein Ausschicken von so unreifen Menschen, die [sich] in der Folge noch so viele Blößen geben und die wohl nur erst die Worte des Jesus nachsprechen konnten, aufgeregt und verändert zu werden. Erst durch die bittere Erfahrung der Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen verlöscht das jugendlich Unbefangene, und er spricht mit bitterer Heftigkeit, mit einem von feindseligem Widerstande gereizten Gemüt.

Was die Juden von der Zukunft hofften, die Vollkommenheit der Theokratie, ein Reich Gottes, davon sagte Jesus ihnen: es ist gekommen, es ist vorhanden; durch den Glauben daran wird es wirklich und jeder ein Bürger desselben. Mit dem Bauernhochmut der Juden war notwendig das Gefühl ihrer Nichtigkeit verbunden, das sie durch die Sklaverei unter ihren Gesetzen sich ewig geben mußten. Daß sie, daß der Sohn eines Zimmermanns Glieder des Reiches Gottes in ihrer elenden Wirklichkeit zu sein fähig wären, dies zu glauben, ihnen dies Selbstgefühl zu geben, war die einzige und freilich schwere Aufgabe; die Freiheit von dem Joch des Gesetzes [war] der negative Charakter jenes Glaubens. Jesus greift daher überall den toten Mechanismus ihres religiösen Lebens an; das jüdische Gesetz hatte sich so verdorben, daß auch für das Vortreffliche desselben eine Menge Ausflüchte, es zu umgehen, erfunden waren. Jesus vermochte freilich wenig gegen die vereinigte Macht eines eingewurzelten Nationalstolzes, der in die ganze Konstitution verflochtenen Heuchelei und Scheinheiligkeit und die darauf sich gründende Herrschaft der Volksführer. Jesus hatte den Kummer zu sehen, daß sein Eifer, Freiheit und Moralität in die Religiosität seiner Nation zu bringen, gänzlich scheiterte, daß selbst seine Bemühungen, wenigstens in einigen Männern bessere Hoffnungen und einen besseren Glauben anzuzünden, durch vertrauteren Umgang sie für sich selbst und zur Unterstützung seiner Bemühungen auszubilden, eine sehr zweideutige und unvollständige Wirkung gehabt hatten (Matth. 20, 20, ein Vorfall, der sich nach einem Umgang des Johannes und Jakobus mit Jesus von einigen Jahren zutrug; – Judas. Selbst in den letzten Augenblicken seines Aufenthalts auf Erden, einige Augenblicke vor seiner sogenannten Himmelfahrt, zeigten sie noch die jüdische Hoffnung in ihrer ganzen Größe, daß er der Israeliten Staat wieder herstellen werde, Acta [Apg.] 1, 6). Jesus selbst wurde ein Opfer des gegen ihn ausbrechenden Hasses der Priesterschaft und der gekränkten Nationaleitelkeit seines Volkes.

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