Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 123]

|123| Hände zu heilen. Auffallend kontrastieren die Eigenschaften, die hier den gottwohlgefälligen Menschen zugeschrieben werden, mit dem, was besonders Matth. 7, 22 gesagt wird; hier werden gerade die ähnlichen Züge im Gemälde aufgeführt, nämlich in Jesu Namen Teufel auszutreiben, in seinem Namen Prophetensprache zu reden (welches bekanntlich einen weiteren Umfang hat, als bloß zu weissagen, und mit καιναις γλώσσαις λαλειν so ziemlich zusammentrifft oder wenigstens damit verwandt ist) und andere viele gewaltige Taten zu tun, und doch mit allen diesen Eigenschaften könne ein Mensch so beschaffen sein, daß das Urteil der Verwerfung von dem Richter der Welt ausgesprochen werde. Diese Worte Mark. 16, 15-18 sind nur in dem Munde eines Lehrers einer positiven Religion, nicht in dem Munde eines Tugendlehrers möglich.

Diese verschiedenen Umstände, die sich in der Lehre Jesu finden, außerdem daß sie einen unbedingten und uneigennützigen Gehorsam gegen den Willen Gottes und das Sittengesetz fordert und denselben zur Bedingung des Wohlgefallens Gottes und der Hoffnung der Seligkeit macht, konnten es veranlassen, daß diejenigen, die seine Religion aufbehielten und verbreiteten, die Kenntnis des Willens Gottes und die Verpflichtung zu demselben allein auf die Autorität Jesu gründeten; daß sie selbst die Anerkennung dieser Autorität als einen Teil des göttlichen Willens und also eine Pflicht aufstellten; daß die Vernunft zu einem bloß empfangenden, nicht gesetzgebenden Vermögen gemacht und alles, was sich sonst als Lehre Jesu und nachher seiner Stellvertreter erweisen ließe, bloß deswegen, weil es Lehre Jesu sei, als Willen [Gottes] geachtet und daß daran Seligkeit und Verdammnis gebunden wurde; daß selbst die Tugendlehren jetzt positiv, d. h. als nicht für sich selbst, sondern als Gebote Jesu verpflichtend [wurden], das innere Kriterium ihrer Notwendigkeit verloren und mit jedem anderen positiven, speziellen Gebot, mit jeder äußeren Anordnung, die in Umständen oder auf Klugheit gegründet ist, in gleichen Rang

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