Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 217]

|217| die er bei seiner Ängstlichkeit zeigt und zeigen muß, alles erklären zu wollen, macht ihn teils verhaßt, weil man ihm dabei nur böse Absichten zutraut, teils verrät er, daß er sich auch noch vor dem geringsten Rest eines Wunders zu fürchten hätte und sich oft mehr zu betäuben als durch klare Einsicht ganz unbefangen Ruhe und Sicherheit zu erwerben suche. Stellt sich der Bestreiter aber aus polemischer Absicht, den anderen zu bekehren, auf einen niedrigeren Standpunkt, so unternimmt er, einen Mohren weiß zu waschen, und stürzt ihn in Zweifel und in einen Zustand ohne Haltung.

[Neufassung des Anfangs]22)

22) Werkausgabe: Nohl S. 139-51; Schüler Nr. 95 (Frankfurt, 24. 9. 1800)

(1800)

Der Begriff der Positivität einer Religion ist erst in neueren Zeiten entstanden und wichtig geworden; eine positive Religion wird der natürlichen entgegengesetzt und damit vorausgesetzt, daß es nur eine natürliche gebe, weil die menschliche Natur nur eine ist, daß aber der positiven Religionen viele sein können. Schon aus dieser Entgegensetzung erhellt, daß eine positive Religion eine wider- oder übernatürliche wäre, welche Begriffe, Kenntnisse enthält, die für den Verstand und die Vernunft überschwenglich sind, Gefühle und Handlungen fordert, welche aus dem natürlichen Menschen nicht hervorgehen würden, sondern nur, was die Gefühle betrifft, durch Vorrichtungen gewaltsam hervorgetrieben [und], was die Handlungen betrifft, nur auf Befehl und aus Gehorsam, ohne eigenes Interesse getan werden.

Man sieht aus dieser allgemeinen Erklärung, daß, um eine Religion oder einen Teil derselben für positiv erklären zu können, der Begriff der menschlichen Natur und damit auch das Verhältnis derselben zur Gottheit bestimmt worden sein muß. In neueren Zeiten ist man nun mit diesem Begriff sehr beschäftigt gewesen, man glaubte mit dem Begriff der Bestimmung des Menschen so ziemlich im Reinen zu sein, um nun mit demselben als Maßstab an das Sichten der Religion selbst gehen zu können.

Es mußte ein langer, in Jahrhunderte sich ausdehnender Stufengang von Bildung dazu [durchlaufen sein], bis eine solche Periode kommen konnte, in welcher die Begriffe so abstrakt wurden, daß man sich überredete, die unendliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen

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