Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 111]

|111| Bescheidenheit und einer Resignation auf alles eigene Gute, Edle und Große in der menschlichen Natur, aber sie muß doch wenigstens voraussetzen, daß der Mensch ein natürliches Gefühl der Verpflichtung zu göttlichen Geboten habe; und entspräche in unserem Herzen der Aufforderung zur Tugend schlechterdings nichts, würde dadurch keine eigene Saite in uns angeschlagen, so wäre das Unternehmen Jesu, die Menschen Tugend zu lehren, von der gleichen Beschaffenheit und von gleichem Erfolge gewesen wie der Eifer des heiligen Antonius von Padua, den Fischen zu predigen, welcher sich auch darauf hätte verlassen können, daß das, was weder seine Predigt noch die Natur der Fische vermochte, durch einen Beistand von oben in ihnen gewirkt werden könne. Wie es aber gekommen ist, daß selbst Tugendgesetze als etwas Positives angesehen worden sind, darauf werden wir in der Folge kommen. Da unsere Absicht nicht ist, zu untersuchen, wie diese oder jene positive Lehre in das Christentum gekommen ist oder welche Veränderungen mit ihr nach und nach vorgegangen sind, noch ob diese oder jene Lehre wirklich ganz oder zum Teil positiv, aus Vernunft erkennbar sei oder nicht, so werden wir überhaupt nur dasjenige berühren, was in der Religion Jesu die Veranlassung gab, daß sie positiv wurde, d. h. entweder nicht durch Vernunft postuliert, ihr sogar widerstreitend war, oder auch damit übereinstimmend, doch nur auf Autorität hin geglaubt zu werden [verlangte].

Eine Sekte setzt überhaupt Verschiedenheit der Lehre, der Meinungen – gewöhnlich von den herrschenden oder auch nur von anderen – voraus; eine philosophische Sekte kann man eine solche nennen, die sich durch ihre Lehren von dem, was wesentlich für den Menschen Pflicht und Tugend ist, durch ihre Vorstellungen von der Gottheit unterscheidet, Verwerfung und Unwürdigkeit nur an Abweichung von der Sittlichkeit, nicht an Irrtümer über die Art, wie sie deduziert wird, knüpft, den Volksglauben der Phantasie dabei für eines denkenden Mannes unwürdig, aber nicht für sträflich

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