Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 151]

|151| wer sich nicht in ihre Ordnungen fügt. Nun hat auf der anderen Seite der Staat die Pflicht, jeden, der ohne die bürgerlichen Gesetze zu beleidigen (und diese können für sich nichts über Zünfte bestimmen), auf welche Art es sei, sich ernähren will, zu schützen; wenn es ihm aber die Zunft nicht gestattet, [ihn] also von sich ausschließt, so schließt sie ihn zugleich aus der ganzen Gemeine aus und raubt ihm ein Recht, das ihm der Staat gestattet, hindert ihn, ein bürgerliches Recht auszuüben; und auch hierin hat der Staat dem Rechte seiner Bürger entsagt.

Ebenso hat der Staat das Recht, wen er zur wissenschaftlichen Bildung seiner Jugend gebrauchen will, zu einem solchen Beamten anzunehmen, wen er dazu brauchbar findet; aber die Mitglieder jedes Zweigs der Gelehrsamkeit haben sich in eine Zunft vereinigt, und eine solche behauptet das Recht, aufzunehmen oder auszuschließen, wie ihre Gesetze angenommen werden oder nicht; und weil ein solcher, der nicht zünftig wäre, von dieser Gesellschaft, also zugleich insofern vom Staate ausgeschlossen würde, so hat der Staat sein Recht aufgegeben und ist genötigt, zu seinen gelehrten Beamten solche zu nehmen, die in der Zunft dieses Zweigs der Wissenschaften Meister (magistri oder doctores) geworden sind, oder nötigt wenigstens einen solchen Beamten, nachher sich in ihre Zunft aufnehmen zu lassen, und wenn er dazu keine Lust hätte, da doch die Zunft ihr Recht behaupten will, so macht sie ihm ein Geschenk mit dieser Meisterschaft, welche Ehre er dann nicht wohl ausschlagen kann, oder bloß aus Bizarrerie es tun würde.

Wenn daher in neueren Zeiten die den Akatholiken von einigen katholischen Regierungen erwiesene Einräumung bürgerlicher Rechte, der Anstellung eigener Geistlichen und der Erbauung eigener Kirchen, von der einen Seite als eine großmütige Toleranz gepriesen, von anderer Seite aber behauptet worden ist, das gebrauchte Wort der Toleranz, Duldung sei hier gar nicht an seinem Platze, was geschehen sei, sei bloße Gerechtigkeit, so lassen sich diese Widersprüche

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