Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 181]

|181| Fäden des Systems von Jugend eingewoben worden sind, und wer sonst durch Erfahrung an anderen und eigene Empfindung die menschliche Natur kennengelernt hat und nun mit dem System bekannt wird und darin leben soll, der befindet sich in einer bezauberten Welt; im Menschen des Systems kann er kein Wesen seiner Art erkennen, eher als in ihm noch wird er in den Feenmärchen des Orients und in unseren Ritterromanen Natur finden und sich dabei nicht sosehr als auf jenem Wege verirren, wenn er auf jene Dichtungen der Phantasie ein Lehrgebäude der Physik und auf diese Geburten unserer Tage eine Psychologie gründen wollte, – und wenn er sich vor Gott und den Menschen als einen armen Sünder und verdorbenen Menschen niederwirft, so ist bei der angeborenen Verderbnis unserer Natur ein solcher Fehler nicht der Mühe wert, sich vor Gott, sich selbst und anderen desselben schuldig zu erkennen, auch ohne dies sind wir ja nichts nütze, und ein Trost dabei ist, daß wir dies mit allen anderen Menschen ohnedem gemein haben, in Vergleichung mit welchen dann jeder noch [etwas] vorauszuhaben glaubt. – Wenn dann ein Mensch den ganzen von der Kirche vorgeschriebenen Gang von Erkenntnissen, Empfindungen und Gemütszuständen durchgelaufen ist und es doch nicht weiter gebracht hat als ein anderer, der alles dieses Apparats entbehrte, wie so manche Tugendhafte unter den sogenannten blinden Heiden, und [wenn] es zwar in Ängstlichkeit und Vorsicht, Unterwerfung und Gehorsam sehr weit gekommen, dagegen in Mut, Entschlossenheit, Kraft und anderen Tugenden, wodurch man allein fähig wird, das Beste der Einzelnen und des Staats zu befördern, dahintengeblieben ist oder gar leer ausgegangen ist, – was hat dann das Menschengeschlecht durch das mühsame Regelsystem der Kirche gewonnen? Vollends möchte man diese Frage aufwerfen, wenn man die zahlreichen Mengen der Heuchler in jeder solchen Kirche bedenkt, die alle jene

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