Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 224]

|224| seine Lehren, für die Gesetze der Tugend, für das Verhältnis Gottes zum Menschen habe Jesus nur auf seine Autorität und die Behauptung derselben durch Wunder usw. Glauben gefordert, und diese Partei hält es nicht für einen Vorwurf, was Sittah im Nathan [II, 1] von den Christen sagt: „Was noch von ihrem Stifter her / Mit Menschlichkeit den – [Aber]glauben würzt, / Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: / Weils Christus lehrt, weils Christus hat getan.“ – Die Möglichkeit einer positiven Religion überhaupt erklärt diese Partei dadurch, daß in der menschlichen Natur sich Bedürfnisse finden, die sie selbst nicht befriedigen könne, und zwar seien ihre höchsten Bedürfnisse von dieser Art; die Widersprüche, die hieraus in ihr entstehen, können von ihr selbst nicht gelöst werden, und die Lösung derselben müsse etwas Fremdes aus Barmherzigkeit verrichten.

Nicht nur die religiösen Belehrungen und Gebote, sondern alle Tugendgesetze, die Jesus gab, gleichfalls für etwas Positives auszugeben, ihre Gültigkeit und die Möglichkeit, eine Erkenntnis davon zu erlangen, nur darin, daß Jesus sie geboten habe, zu finden, zeugt zwar von einer demütigen Bescheidenheit und einer Resignation, welche auf alles eigene Gute, Edle und Große in der menschlichen Natur Verzicht tut, aber wenn sie sich nur selbst verstehen will, so muß sie doch wenigstens voraussetzen, daß der Mensch ein natürliches Gefühl oder Bewußtsein einer übersinnlichen Welt und der Verpflichtung gegen Göttliches habe; entspräche einer von außen her kommenden Aufforderung zu Tugend und Religion in unserem Herzen schlechterdings nichts, wären es nicht eigene Saiten der Natur, die dadurch in uns angeschlagen werden, so würde das Unternehmen Jesu, die Menschen zu einer besseren Religion und zur Tugend zu begeistern, von gleicher Beschaffenheit und gleichem Erfolge gewesen sein als der Eifer des heiligen Antonius von Padua, den Fischen zu predigen, welcher sich darauf hätte verlassen können, daß das, was weder seine Predigt noch die Natur der Fische vermochte, durch ein völlig außer ihnen Vorhandenes, einen Beistand von oben in ihnen gewirkt werden könne.

Diese Ansicht des Verhältnisses der christlichen Religion zum Menschen ist nicht geradezu für sich selbst positiv zu nennen, sie beruht auf der gewiß schönen Voraussetzung, daß alles Höhere, alles Edle und Gute des Menschen etwas Göttliches ist, von Gott kommt, sein Geist ist, der von ihm ausgeht. Aber dann wird diese Ansicht zum grellen Positiven, wenn die menschliche Natur absolut geschieden wird von dem Göttlichen, wenn keine Vermittlung derselben – außer nur in einem Individuum – zugelassen, sondern alles menschliche Bewußtsein des Guten und Göttlichen nur zur

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126