Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 223]

|223| nicht sowohl den Inhalt als die Art, wie die Religion etwas durchaus Gegebenes sein oder als ein Freies gegeben und frei empfangen werden soll.

Außerdem schließt diese Abhandlung die unendlich verschiedenen Formen aus, welche die christliche Religion in den verschiedenen Zeitaltern und unter verschiedenen Völkern gehabt hat; ebenso dasjenige, was in unseren Zeiten für christliche Religion gelten könnte; nichts ist vieldeutiger als dieser Begriff, sowohl was das Wesen derselben betrifft als ihre einzelnen Lehren und deren Verhältnis zum Ganzen und Wichtigkeit. Sondern was diese Abhandlung sich zum Zwecke macht, ist, in der unmittelbaren Entstehung des christlichen Glaubens, in der Art, wie sie aus Jesu Mund und Leben entsprang, nachzuforschen, ob darin Umstände vorkommen, welche eine unmittelbare Veranlassung zur Positivität geben konnten, dazu, daß Zufälligkeiten, als solche, für Ewiges genommen wurden, daß die christliche Religion überhaupt auf einer solchen Zufälligkeit gegründet wäre, eine Behauptung, welche von der Vernunft verworfen und von der Freiheit zurückgestoßen würde.

Die Zufälligkeit, aus welcher eine Notwendigkeit hervorgehen sollte, das Vergängliche, worauf sich in den Menschen das Bewußtsein eines Ewigen, das Verhältnis zu ihm in Empfinden, Denken und Handeln gründen sollte, dies Vergängliche heißt im Allgemeinen Autorität.

Daß die christliche Religion sich auf Autorität gründe, darin stimmen zwei Parteien überein; sie berufe sich zwar auf das natürliche Gefühl oder Sehnen des Menschen zum Guten und setze freilich das Aufsehen des Menschen zu Gott voraus, aber um den Glauben sich geben zu können, daß man das Wohlgefallen Gottes erworben habe, dazu verlange Jesus nicht bloß einen reinen und freien Gehorsam gegen den unendlichen Gott, wie die rein religiöse Seele ihn von sich fordern wird, sondern auch einen Gehorsam gegen bestimmte Vorschriften und Gebote befohlener Handlungen, Gefühle, Überzeugungen. Die zwei Parteien, die diese Meinung haben, unterscheiden sich darin voneinander, daß die eine dies Positive an einer reinen Religion für außerwesentlich, ja für verwerflich hält und wegen desselben auch der Religion Jesu den Rang einer freien und Tugendreligion nicht zugestehen will; die andere Partei hingegen setzt den Vorzug derselben gerade in dieses Positive, erklärt dies für das wahre Heilige und will alle Sittlichkeit darauf gebaut haben. Die Frage nach der unmittelbaren Veranlassung, daß die Religion Jesu positiv geworden sei, kann die letztere Partei gar nicht machen, da sie behauptet, sie sei positiv aus dem Munde Jesu gekommen, für alle

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