Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 109]

|109| zum Inhalt einer Religion gehören, welcher ewig und unwandelbar sein müsse; daß die Lehre Jesu überhaupt nicht positiv sei, nichts auf seine Autorität habe gründen wollen -: gegen diese Vorstellung erheben sich zwei Parteien, die darin übereinstimmen, daß die Religion allerdings Prinzipien der Tugend, aber zugleich auch positive Vorschriften, das Wohlgefallen Gottes noch durch andere Übungen, Gefühle und Handlungen zu erwerben als durch Moralität, enthalte; – aber welche zwei Parteien sich darin voneinander unterscheiden, daß die eine dies Positive an einer reinen Religion für außerwesentlich, ja für verwerflich hält und wegen desselben auch der Religion Jesu den Rang einer Tugendreligion nicht zugestehen will, die andere hingegen den Vorzug derselben gerade in dieses Positive setzt, es für gleich heilig mit den Prinzipien der Sittlichkeit hält, oft gar diese auf jenes baut, ja ihm selbst zuweilen eine größere Wichtigkeit als jenen einräumt. Die Frage, wie die Religion Jesu positiv geworden sei, hat die letztere Partei leicht zu beantworten, indem sie nämlich behauptet, sie sei positiv aus dem Munde Jesu gekommen, für alle seine Lehren, selbst für die Gesetze der Tugend habe Jesus nur auf seine Autorität Glauben gefordert, und diese Partei hält es nicht für einen Vorwurf, was Sittah im Nathan [II, 1] von den Christen sagt: „Was noch von ihrem Stifter her / Mit Menschlichkeit den – [Aber]glauben würzt, / Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: / Weils Christus lehrt, weils Christus hat getan“ -, und die Erscheinung, wie eine positive Religion sosehr Eingang finden konnte, erklärt sie dadurch, daß keine Religion wie diese den Bedürfnissen der Menschheit sosehr angemessen sei, indem sie die Probleme der praktischen Vernunft, die diese sich unmöglich selbst lösen könne – z. B. wie Vergebung der Sünden, auch für den Besten, der davon nicht frei ist, zu hoffen sei -, befriedigend beantwortet habe, wodurch diese seinsollenden Probleme jetzt gar zu dem Rang von Postulaten der praktischen Vernunft erhoben werden, und was ehemals auf dem

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