[S. 113]
|113| die das Ihrige dazu beitrugen, einen Glauben auf Autorität zu gründen.
Jesus spricht viel von seinem Individuum
Sosehr nämlich auch bei einem Manne, der Tugend lehrt und dem Strom der Sittenverderbnis seiner Zeit entgegenarbeiten will, es auf seinen eigenen moralischen Charakter ankommt und ohne einen solchen seine Rede tot und kalt von seinen Lippen fallen würde, so kam doch hier manches zusammen, das die Person des Lehrers wichtiger machte, als es für die Empfehlung der Wahrheit an sich nötig war.
Jesus war nämlich für sich selbst genötigt, sehr viel von sich, von seiner Person zu sprechen; die Umstände, die ihn dazu veranlaßten, war die Art, wie sein Volk sich allein wollte beikommen lassen; ihre ganze Verfassung, alle ihre gottesdienstlichen, politischen und bürgerlichen Gesetze waren sie innigst überzeugt, von der Gottheit selbst empfangen zu haben. Dies war ihr Stolz, dieser Glaube schnitt alle eigenen Spekulationen ab und schränkte sich ganz allein auf das Studium der heiligen Urkunden und die Wirksamkeit der Tugend auf einen blinden Gehorsam gegen diese sich nicht selbst gegebenen Gebote ein; – der Lehrer, der mehr in seinem Volke wirken wollte, als einen neuen Kommentar darüber zu liefern, und es von der Unzulänglichkeit des statutarischen Kirchenglaubens überzeugen wollte, mußte notwendig seine Behauptungen auf die gleiche Autorität gründen; auf Vernunft allein sich berufen zu wollen, hätte den Fischen predigen geheißen, da sie für eine solche Aufforderung keinen Sinn hatten; bei Empfehlung einer moralischen Gesinnung kam ihm allerdings die unvertilgbare Stimme des moralischen Gebotes im Menschen und die Stimme des Gewissens zu Hilfe; und sie kann die Wirkung haben, von selbst die Wichtigkeit des Kirchenglaubens sinken zu machen, aber wenn das Gefühl der Moralität ganz
