Die Positivität der christlichen Religion (1795/96)

[S. 133]

|133| Dasein Gottes der Beweis ex consensu gentium immer eine Stelle gefunden und führt wenigstens etwas Beruhigendes mit sich; selbst gegen den Schrecken der Hölle hat ja oft der Gedanke, dort nur das Schicksal vieler zu teilen, etwas Tröstendes gehabt; und jedes, so auch das Joch des Glaubens wird erträglicher, je größere Gesellschaft man dabei hat, und insgeheim wirkt oft auch ein Unwillen, daß ein anderer von Fesseln, die wir tragen und von denen wir nicht Kraft genug haben, uns loszumachen, frei sein wolle, bei der Sucht mit, ihn zum Proselyten zu machen. Da das Christentum im Gebiete des Heidentums aber schon so große Eroberungen gemacht, da die Theologen es mit großer Zufriedenheit rühmen, daß die Weissagungen des Alten Testaments in Erfüllung gegangen sind oder nächstens bald vollends gehen werden, daß der Glaube Christi bald auf der ganzen Erde ausgebreitet sei, daß ihm alle Völker des Erdbodens anhangen, so ist bei einem solchen Überflusse von Christen der Bekehrungseifer lauer geworden, und ungeachtet die Polemik das ganze Arsenal der gegen Heiden und Juden so siegreichen christlichen Waffen aufbehalten hat, auch an den Mohamedanern besonders und auch den Juden noch viel zu tun übrig wäre, so sind doch die Anstalten, die gegen die Indianer und Amerikaner gerichtet sind, im Verhältnis mit dem, was man von der Menge, der Überlegenheit in allen Künsten, dem Reichtum der Völker, die zusammen die Christenheit ausmachen, erwarten könnte, in der Tat nur dürftig zu nennen; gegen die Juden vollends, die sich mitten unter uns immer mehr einnisteln, zieht höchstens ein „Sanftmut sieget“ aus, und seine Ritterzüge erwecken höchstens die Teilnahme einer eingeschränkten [Anzahl] von Menschen. Ungeachtet die schnelle und weite Ausbreitung des Christentums durch Wunder, durch den standhaften Mut seiner Bekenner und Märtyrer, durch die fromme Klugheit seiner späteren Vorsteher, die zum Besten ihrer guten Sache zuweilen einen heiligen Betrug anzuwenden genötigt waren, dergleichen Ungeweihte aber immer unheilig nennen, – ungeachtet diese

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126